Projektmanagement

Dekonstruktion und Projektmanagement Canvas

bm_canvas

Kein Projekt gleicht dem anderen. Projekte sind einmalige Vorhaben. Im Laufe der Jahre haben sich Muster in der Durchführung von Projekten herauskristallisiert und aus diesen Mustern wiederum Standards. Jeder Standard bringt seine eigenen Begriffe und seine eigene Systematik mit. Die Dekonstruktion des Projektmanagements sieht in den Standards und ihren Methoden lediglich verschiedene Ausprägungen oder Umsetzungen derselben grundlegenden Anforderungen (vgl. auch Jens Hoffmann: Von Äpfeln und Birnen, oder der Notwendigkeit der Dekonstruktion des Managements). Um die Gräben zwischen verschiedenen Glaubensrichtungen des Projektmanagements, insbesondere zwischen agil und klassisch, überbrücken zu können, braucht es eine Rückbesinnung auf diese abstrakte Ebene der Anforderungen. Und dort braucht es eine gemeinsame Sprache. Als vielversprechendstes Hilfsmittel dafür erscheinen mir im Moment die von Alexander Osterwalders Business Model Canvas inspirierten Arbeiten an einer Projektmanagement Canvas – unter anderem auf openPM.

Um den Zusammenhang zwischen Ebene der Anforderungen und Ebene der Umsetzungen – und damit den Sinn der Dekonstruktion – zu verdeutlich, würde ich gerne eine im wahrsten Sinne des Wortes alltägliche Analogie wählen: unser Leben. Wir wachen morgens auf in der Mietwohnung oder einer Villa, wir frühstücken mit Eier und Speck oder Tofu, wir fahren zur Arbeit mit Fahrrad, U-Bahn oder Auto, wir arbeiten als Selbstständige oder am Fließband, usw. Das ist die Ebene der Ausprägungen und Umsetzung (und bei weitem nicht vollständig). Die Ebene der Anforderungen abstrahiert davon indem Kategorien von Gleichartigem gebildet werden: Mietwohnung und Villa fallen beispielsweise in die Kategorie Wohnen, Eier und Speck oder Tofu in die Kategorie Nahrungsaufnahme und Fahrrad, U-Bahn und Auto in die Kategorie Mobilität, usw. Jede dieser Kategorien ist also eine grundlegende Anforderung unseres Lebens und wird von jedem von uns mittels anderer konkreter Methoden entsprechend der Möglichkeiten umgesetzt.

Im Projektmanagement diskutieren wir im Moment zu sehr auf der Ebene der konkreten Umsetzungen, also ob nun Eier und Speck besser sind als Tofu. Oder mit den Worten von Olaf Hinz: „Wir diskutieren zuviel im Maschinenraum des Projekts über den besseren 17er-Schraubenschlüssel.“ Spannender und lohnender wäre aber die Rückbesinnung auf die gemeinsamen Anforderungen und die systematische Erforschung welche Umsetzung unter welchen Umständen hilfreich oder eher hinderlich ist.

Dazu braucht es aber zunächst eine gemeinsame Sprache. Und hier kommt die angesprochene Projektmanagement Canvas ins Spiel. So wie die Business Model Canvas von Alexander Osterwalder Geschäftsmodelle übersichtlich in einem einheitlichen Schema visualisiert, sollte eine Projektmanagement Canvas genau das für Projektmanagement Modelle leisten. So wie es auf der Business Model Canvas Bereiche wie Customer Segments oder Value Proposition gibt, werden sich auf einer Projektmanagement Canvas die gemeinsamen Anforderungen wie Stakeholder oder Planung finden.

Eine solche Projektmanagement Canvas würde helfen,

  • schnell die Situation in einem Projekt zu erfassen,
  • übersichtlich das Projektmanagment Modell des jeweiligen Projekts darzustellen,
  • verschiedene Szenarien zur Optimierung durchzuspielen,
  • Projektmanagement Modelle vergleichbar zu machen,
  • Blaupausen von Modellen und Muster für spezielle Situationen zu definieren.

Wir stehen noch am Anfang der Entwicklung einer gemeinsamen Projektmanagement Canvas. Immerhin hat Bernhard Schloss die Arbeit auf openPM schon gestartet und auf dem PM Camp 2012 vertieft (auf openPM finden sich auch weiterführende Links zu ersten Ansätzen einer Projektmanagement Canvas). Ich finde das Thema Dekonstruktion des Projektmanagements und gemeinsame Definition einer Projektmanagement Canvas sehr aussichtsreich. Ich würde gerne mit einer solchen Canvas in und an Projekten arbeiten. Worauf warten wir?

6 Kommentare

  1. Hallo Marcus,

    danke fuer diesen tollen Beitrag.
    Genau diese Dinge haben uns ebenfalls umgetrieben und beschäftigt als wir im Zuge des deutschen Buchprojektes http://www.turnaroundpm.com unter anderem einen Ansatz gesucht und entwickelt haben der den Canvas Gedanken aufgreift.
    Was wir in vielen Projektsituation (ob TurnAround oder nicht) erleben ist, dass der Blick auf das Wesentliche, das Übergreifende verloren geht bzw verloren gegangen ist. Dass Projekt Beteiligte und Beteiligte aus dem Umfeld des Projektes jeweils einen ‚anderen Film‘ im Kopf haben.
    Hier haben wir angeleht an den BM Canvas eine Struktur gesucht, die Projekt unabhängig einzusetzen ist, und kein weiterer Status Report oder Terms of Reference oder Projekt Steckbrief oder Statement of Work oder Projekt Management Plan darstellt. Ebenso unabhängig von Ziel / Vision des Projektes bzw dessen Scope (also bspw. egal ob IT Software Projekt oder Construction) und in jeder Phase des Projektes anwendbar ist.
    Weiterhin sollte unser Ansatz einen echten Nutzen und Mehrwert liefern und nicht nur eine neue Methodik oder Tool darstellen welches die Projekt Management Landschaft um das 1001. Machwerk ergänt, ebenso war es, eine neutrale wertfreie Struktur zu schaffen aber dennoch einen kreativen Tabubruch darstellen.

    Daraus ist im Zuge unseres Buchprojektes und der damit verbundenen Impulsworkshop (mit ingesamt ueber 60 Teilnehmern) und daraus resultierendem Feedback ueber 6 Monate hinweg die Version 1.0 des sogenannten Project Squares entstanden (Square weil quadratisch).

    Dieser teilt sich in 7 Building Blocks / Kategorien auf:
    1) Projekt – Auftrag: hier verbergen sich der Scope (wesentliche Liefereinheiten), das Budget und die Zeit
    2) Menschen und Lieferanten: Wie der Name schon sagt, die Menschen im Projekt und Lieferanten und Partner die zuliefern bzw wesentliche Bestandteile einbringen.
    3) Schlüsselresourcen: notwendige Resourcen ür die Erstellung, sei es Stahl für ein Haus oder ein Entwicklungswerkzeug / Umgebung für ein Software Entwicklungsprojekt.
    4) Zielgruppen: Die von dem Ergebnis in irgendeiner Form betroffen sind, dazu gehoeren auch potentielle Sponsoren aber auch die Nutzer des Erstellten.
    5) Nutzen: Der Nutzen den das geschaffene hervorbringt
    6) Schäden: Die Schäden die durch das Projektergebnis hervorgerufen werden (Lärmbelästigung, Zerstörung Biotopen, Arbeitsplätze die wegfallen)
    7) Geistes-Haltung: Ein aus unserer Sicht sehr wesentlicher Aspekt, der die Seele, das Verständnis der Zusammenarbeit aber auch das Miteinander reflektiert.

    All diese Building Blocks werden wie beim BM Canvas durch die Teilnehmer eines wie auch immer gearteten Workshops / Meetings gefüllt.

    Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig
    – zum Anfang eines Projektes, Mittendrin oder am Ende
    – Herstellen eines gemeinsamen Verstaendnisses
    – Ist / Massnahmen / Ziel Betrchtungen (mit 3 Project Squares)
    – Identifizieren von Inkonsistenzen (Kein Scope Element ohne Zielgruppe, keine Zielgruppe ohne Nutzen, kein leeres Feld etc.)
    – Schaffen eines gemeinsamen Verständnisses im Zuge von Projekt Anbahnungen bzw RFP Situationen
    – Identifizieren von unterschiedlichen Sichten auf ein Projekt (bei unterschiedlichen Stakeholdergruppen) und spätere Konsolidierung
    – Anhand des gefüllten Square kann die ‚Story getelled‘ werden :-) Also eine Geschichte zum Projekt erzaehlt werden.

    naeheres hier (moechte nicht das gesamte Abstract hier wiedergeben):
    http://www.turnaroundpm.com/project-square/

    Ich persönlich habe den Project Square schon vielfach erfolgreich eingesetzt. Gerade in TurnAround Situationen wenn es darum geht zu identifizieren welche Film die Projektbeteiligten im Kopf haben können interessante Dinge auffallen.
    Bspw: tritt mit vorgeschrittener Projektdauer der Nutzen in den Hintergrund da man eben im Maschinenraum den 17er Schluessel sucht um noch eine Schraube reinzudrehen, vergisst man dass das Schiff am Ende schwimmen muss um Leute von A nach B zu transportieren.
    Auch über Schäden macht man sich viel zu wenig Gedanken (Stuttgart 21 ist hier das bekannteste Beispiel) und dies wird durch den Project Square initiiert.
    Auch die Möglichkeit ein Projekt und dessen Phasen (mehrere Project Square’s zu befüllen) welches über einen RFP hinweg verstreut beschrieben ist, in solch einer Form zu beschreiben ist absolut zielführend und bringt alle Beteiligte auf ‚the same page‘ bzw schafft die notwendige Flughoehe und gemeinsames Verständnis.
    Projekte die notwendig sind um eine Strategy bzw Business Modell (Absprungbasis der BM Canvas) zu beschreiben und die in einer Baumstruktur (Portfolio, Program, Projekt, Teilprojekt) darstellbar zu machen ist ein weiterer Einsatzzweck.
    Weiterhin in Projektsituationen wo Du kurz vor der Einführung / Rollout stehst, die Stakeholder mit solch einer Sicht abzuholen bzw diese bei Dissensen mittels des Project Squares zu identifizeren und dann gemeinsam Überschneidungen aber auf Differenzen im Bezug auf die Sicht auf das Projekt zu diskutieren und gemeinsam zu konsolidieren war in der Nahen Vergangenheit bei mir und allen Beteiligten eine spannende Erfahrung.

    Wir sind derzeit in der Version 1.0 und aehnlich wie Osterwalder, Creative Commons lizensiert. Unser Buch wird im Mai/Juni veroeffentlicht und der Project Square spielt dort eine wesentliche aber nicht die Hauptrolle. Bis dahin werden wir noch einige ImpulsWorkshop und Feedback Schleifen durchlaufen und freuen uns auf jeden Impuls.

    Rainer, wir moechten Dich herzlich einladen hieran mitzuwirken und ich kann mir gut vorstellen dass wir das Ergebnis Project Square in die / das openPM einbringen.

    Noch ein abschliessender Satz zu zwei weiteren PM Canvas Varianten die derzeit im Internet kursieren. Aus unserer Sicht sind das gute Ansaetze im Sinne Struktur und Einsatzmoeglichkeiten jedoch bilden diese im wesentlichen nahezu schon Status Reports bzw. Projekt Steckbriefe oder Terms of References ab. Wir glauben das hier eine andere Ebene notwendig ist / war um ein Projekt als solches zu erfassen. Daher der Project Square.

    Wir freuen uns auf den Austausch und Impulse für den Einsatz und Nutzen eines solchen Ansatzes.
    Gerne koennen wir im naechsten PMcamp auch einen Impuls Vortrag und Workshop einbringen um das Anwenden des Project Square erlebbar zu machen und weitere Impulse zu initiieren.

    Gruss
    Torsten
    http://www.torstenkoerting.com
    http://www.turnaroundpm.com

    • Marcus Raitner

      Hallo Torsten,

      vielen Dank für Deinen tollen Kommentar. Natürlich habe ich euer ProjectSquare schon gesehen und halte es im Moment für die mir Abstand brauchbarste PM Canvas im Sinne dessen was ich in dem Artikel als Anforderung an eine Canvas ausdrücken wollte. Es ist sehr schön zu lesen, dass Dich und viele andere ähnliches umtreibt.

      Es würde mich sehr freuen wenn die Kurzzusammenfassung die Du hier als Kommentar geschrieben hast sich auf openPM als Beschreibung des ProjectSquare wiederfinden würde. Könntest Du das auf openPM anlegen?

      Da ihr ProjectSquare ja ebenso wie Osterwalder seine BM-Canvas unter einer CC-Lizenz zur Verfügung stellt, kann ich Dir nur anbieten openPM perspektivisch als Plattform und Community zur Weiterentwicklung zu nutzen. Ich selbst bringe mich gerne in die Diskussion um eine PM Canvas ein. Auf openPM aber auch in anderer Weise!

      Eine Session auf einem der nächsten PM Camps (es sind ja viele regionale im Entstehen) solltet ihr unbedingt machen. Es würde mich freuen, Dich und Deine Mitstreiter auf einem der nächsten PM Camps persönlich kennen lernen zu dürfen.

      Herzliche Grüße,
      Marcus

  2. Hallo Marcus,

    danke fuer Deine Unterstuetzung und Deine Gedanken sowie Dein Feedback. Es gibt uns und speziell mir das Gefuehl dass wir auf dem richtigen Weg sind.
    Ich werde das Abstract bzw die Einsatzgebiete und Nutzen des Project Squares in openPM einstellen. Lass mich nur noch wissen ob als neuen Artikel unter Rubrik PM Canvas oder als separaten Ansatz.

    Wuerde mich ebenso freuen Dich entweder im Zuge einer openPM Veranstaltung oder eines PM Camps oder zu einem unserer naechsten ImpulsWorkshops kennenzulernen und weitere Ideen und Impulse auszutauschen um den Ansatz weiter zu optimieren damit hier etwas richtig Gutes entsteht.
    Viele Gruesse
    Torsten

    • Marcus Raitner

      Hallo Torsten,

      bezüglich openPM: Ich würde vorschlagen es als Unterseite der PM Canvas Seite zu machen. Ist aber im Prinzip egal, weil man alles leicht verschieben kann. Hauptsache es ist mal drin.

      Lass es mich doch wissen wenn ihr wieder einen Impulsworkshop macht, vielleicht klappt es ja.

      Grüße,
      Marcus

  3. Hallo Marcus,

    ich erleben gerade wieder bei einem neuen Unternehmen wie beim Thema Projektmanagement der „17er-Schlüssel“ im Vordergrund steht. Um es im Sinne von Tom DeMarco zu sagen, dass Werkzeuggedöns finde ich eher hinderlich. Für mich stehen die Menschen und nicht die Tools im Vordergrund. Nur wenn es gelingt die Menschen im Projekt abzuholen, kann man überhaupt erfolgreich Projektmanagement machen.
    So eine Initiative wie von openPM kann da sehr helfen. Eine gemeinsame Sprache unterstützt die Kommunikation zwischen den Lagern.

    • Marcus Raitner

      Hallo Thomas, vielen Dank für Deinen Kommentar. Leider kenne ich diese Diskussion über Werkzeuggedöns nur zu gut. Bindet leider nur sinnlos Kräfte. Der Maschinenraum ist die Komfortzone vieler, da kennen sie sich aus und darüber lässt sich dann leidenschaftlich diskutieren. Ich würde mir, wie gesagt wünschen, wenn wir über Projektmanagement auf einer anderen Ebene diskutieren könnten, mit einer gemeinsamen Sprache ähnlich der gemeinsamen Sprache die die Business Model Canvas für Geschäftsmodelle geschaffen hat. openPM hilft uns als zentrale Anlaufstelle für diese gemeinsame Arbeit nicht nur bei dem Thema.

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