Führung

Mitarbeiter: Partner, Produktionsmittel oder nur Produkt?

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Die Rolle des Menschen im Unternehmen des 21. Jahrhunderts ist sehr vielfältig. Einerseits sehen wir schon demokratisch selbstorganisierte Unternehmen, in denen jeder Mitarbeiter das Unternehmen, die Ziele und Prozesse gestalten darf, kann und muss. Andererseits gibt es noch genügend Unternehmen, in denen der einfache Mitarbeiter mehr als Produktionsmittel oder Ressource gesehen und seine Auslastung entsprechend optimiert wird. Ein Spezialfall davon sind Dienstleistungs- und Beratungsunternehmen, die Mitarbeiter gegen Bezahlung verleihen und sie damit letztlich sogar zum Produkt machen. Egal ob Produktionsmittel oder Produkt, diese Sichtweise degradiert den Menschen zum reinen Mittel des unternehmerischen Handelns, wo er vielmehr auch der Zweck des Wirtschaftens sein sollte.

Natürlich ist der Projektmanager, den man als Tagelöhner an einen Kunden verkauft, letztlich immer das Produkt eines Dienstleistungsunternehmens. Und natürlich ist der Arbeiter am Fließband letztlich auch nur ein etwas komplizierterer und wartungsintensiver Roboter. Kann man so sehen, als gegeben akzeptieren und zur Tagesordnung übergehen. Oder man kann sich daran stören und sich fragen, ob es da nicht mehr geben sollte und müsste. Und wenn ja, wozu.

Erste Frage: Ist das Unternehmen für Sie da, oder sind Sie für das Unternehmen da? Zweite Frage: Sind die Mitarbeiter für das Unternehmen da oder das Unternehmen für die Mitarbeiter? Dritte Frage: Sind die Kunden für das Unternehmen da oder das Unternehmen für die Kunden?
Götz W. Werner

Man kann mich gerne für einen anthroposophischen Träumer halten, aber ich bin der festen Meinung, dass die Wirtschaft dem Menschen dienen sollte und nicht umgekehrt. Immer wenn der Mensch zum bloßen Mittel herabgewürdigt wird, anstatt der Zweck unseres Wirtschaftens zu sein, läuft etwas grundlegend falsch. Kurzfristig mag es gewinnbringend oder sogar wirtschaftlich notwendig erscheinen, Menschen als bloße Produktionsmittel oder sogar als Produkt zu betrachten. Langfristig werden solche Unternehmen aber ins Hintertreffen geraten, weil ihre Zukunftsfähigkeit dann nämlich von der Genialität und Kreativität einiger weniger abhängt, anstatt das kreative und unternehmerische Potential der Mitarbeiter voll auszuschöpfen.

Die Motivation von Menschen und damit die Qualität ihrer Arbeit und ihr Engagement sind nämlich dann am höchsten, wenn drei Faktoren ausgewogen zusammentreffen: Vortrefflichkeit, Autonomie und Sinn. Unter Vortrefflichkeit verstehe ich das Streben des Menschen nach meisterhafter Anwendung und kontinuierlicher Verbesserung und Erweiterung seiner Fähigkeiten. In diesem Punkt bieten viele Unternehmen heute ihren Mitarbeitern schon einiges. Viele unserer hochspezialisierten Berufe finden überhaupt nur in großen Unternehmen richtig spannende Anwendung.

Jedoch ist das nur ein Faktor, wenngleich der in der Praxis am einfachsten zu befriedigende. Beim selbstbestimmten Arbeiten hat sich auch einiges getan in den letzten Jahrzehnten, man denke nur an flexible Arbeitszeitregelungen, Telearbeit, Homeoffice, der freien Projektzeit bei Google und vielen anderen Ansätzen mehr. Einerseits. Wenn es darum geht, welche Projekte gemacht werden sollten, wer sie macht und bei welchen Kunden, kurzum wenn es um die Strategie geht, ist schnell Schluss mit Selbstbestimmtheit. Im Wesentlichen können Mitarbeiter heute mehr oder weniger frei bestimmen, wann sie arbeiten, aber deutlich seltener, wer was tun sollte.

Jammern auf hohem Niveau, wird mancher hier bereits einwenden. Betrachtet man schließlich noch den dritten Faktor für die persönliche Motivation, nämlich den Sinn, wird es leider sehr dünn. Doch ist gerade dieser Aspekt enorm wichtig. »Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie!«, wusste schon Friedrich Nietzsche. Den Mitarbeitern muss sich der Sinn und Zweck des unternehmerischen Handelns erschließen. Schwierig genug allein desshalb, weil es oftmals keinen tieferen oder erkennbaren Sinn gibt, als Gewinn zu erwirtschaften und an die Shareholder auszuschütten. Dass die Mitarbeitern den Sinn und Zweck des Unternehmens erkennen können, ist aber auch nur die notwendige Voraussetzung, sie müssen Sinn und Zweck des Unternehmens auch teilen können und wollen. Das Handeln des Unternehmens, sein Zweck und seine Ziele müssen für den einzelnen Mitarbeiter sinnvoll sein. Spätestens hier scheitern die meisten Unternehmen.

Menschen wie Menschen zu behandeln, mag für viele nur ein Spleen sein. Ich bin der festen Überzeugung, dass Wirtschaft keinen anderen Zweck verfolgt: miteinander füreinander tätig sein.
Götz W. Werner

Will man seinen Mitarbeitern auf Augenhöhe begegnen und sie nicht nur als Produktsmittel oder Produkt betrachten, sollte man ihnen als Unternehmen hinsichtlich der drei Aspekte Vortrefflichkeit, Selbstbestimmtheit und Sinn einiges bieten. Dann reicht es eben nicht, nur irgendwelche Projekte zu akquirieren, sondern solche, die den Menschen Weiterentwicklung und Wachstum ermöglichen. Und es reicht nicht, wenn wenige Auserwählte, über die Ausrichtung des Unternehmens brüten und entscheiden, vielmehr sollten die Mitarbeiter in strategische Entscheidungsprozesse eingebunden werden. Und schließlich reicht es auch nicht, sinnlose Umsatz- oder Gewinnziele als Selbstzweck zu verfolgen, vielmehr muss der Gewinn Folge eines sinnvollen Wirtschaftens sein.

  1. 1.) Du bist bestimmt kein anthroposophischer Träumer!
    2.) In der Bayerischen Verfassung steht genau das drin, was Du forderst. Auch sehr präzise formuliert.
    http://www.bayern.de/Verfassung-.451/index.htm
    3.) Es gibt mittlerweile eine Bewegung Gemeinwohl-Ökonomie. Ein bekannter Name ist Christian Felber. Auch da sehe ich eine große Gemeinsamkeit mit Deinen Gedanken!
    https://www.ecogood.org/
    Danke für den schönen Artikel!

    • Lieber Roland, danke für Deine Zustimmung und Deine Ergänzungen. Papier ist geduldig und besonders das Papier der Verfassung. Nicht immer erleben wir in der wirtschaftlichen Praxis, dass Unternehmen auch so denken und arbeiten. Da wird der Mensch doch ganz schnell Mal zum bloßen Mittel. Umso wichtiger finde ich auch solche Initiativen wie die Gemeinwohl-Ökonomie.

  2. Passend zu diesem Thema und sehr interessant dazu ist das Projekt Augenhöhe.
    (https://www.startnext.de/augenhoehe-der-film/)
    Vielleicht kennen Sie es schon? Ich bin sehr auf die Umsetzung und die Beispiele gespannt.

  3. »Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie!«
    Das ist für mich hier die Kernaussage.
    Wir alle haben Phasen erlebt, in denen Durchhalten angesagt war.
    Das Angebot mußte abends noch komplettiert und kopiert werden, auch wenn nach der 21-Uhr-Pizza wenig Drive übrig ist; die Abnahme läuft in die elfte Stunde; Die Montage auf der Baustelle ist überfällig, aber der Motor hängt schon am Kran.

    Warum halten wir diese Situationen immer wieder aus?
    Weil wir (hoffentlich) wissen, wofür.
    Weil wir wissen, welchen Sinn das Durchhalten in dieser Situation hat.

    Fehlt diese Sinnhaftigkeit, bleibt nur noch „Love it, change it, leave it“ – ein weiterer Klassiker.

    Insofern wundert es mich nicht, daß viele der Firmen, die dem für den Mitarbeiter obskuren und fragwürdigen „Shareholder Value“ nachlaufen, ebendiese Mitarbeiter mittlerweile in Scharen verlieren.
    Die Mitarbeiter suchen eben die Sinnhaftigkeit, den mittelbaren Erfolg für ihre Mühen und finden dies in den kleineren Unternehmen.

    Zu den genannten Dienstleistern resp. Tagelöhnern:
    Es ist doch so, daß wir „verliehenen“ Projektleitern (ja, mittlerweile gehöre ich auch dazu) zwar einerseits von unseren eigenen Firmen vermietet, also zum Produkt werden.
    Andererseits haben wir uns ja aus bestimmten Gründen dafür entschieden. Und Dienstleister zu sein, hat seinen Charme.

    Außerdem: Im einen Lager sind wir Produkt; im anderen Lager vielleicht derjenige, der den Kollegen dort wieder einen Weg und Sinn aufzeigen.
    Seht es doch mal auf diese Weise.
    Ich fahre damit im Moment sehr gut.

    Wenn dann noch auf beiden Seiten die Arbeit konstruktiv und auf Augenhöhe klappt, und ich als Projektleiter mich hier wie da sinnvoll einbringen kann, ist das ein klarer Fall von „Win!“ :-)

    • Danke für Deinen ausführlichen und sehr persönlichen Kommentar, Thilo. Natürlich ist es nicht per se schlecht Dienstleister zu sein und „verliehen“ zu werden. Dabei kommt man viel rum, sieht viel mehr interessante Projekte als bei einem einzigen Arbeitgeber und lernt dabei auch viel mehr. Wenn es denn gelingt, eben immer solche interessanten Projekte zu finden. Und wenn sich darum jemand bemüht. Oft bemüht sich darum aber niemand, sondern bemüht sich nur um die blanke Auslastung und nicht ob Dir das Projekt bei dem Kunden sinnvoll erscheint. Das wollte ich damit sagen.

  4. Verschwörungstheoretiker gehen ja inzwischen davon aus, dass unsere Welt schon seit der Zeit der Sumerer (Babylon) von einer Klique beherrscht werden und daher die „globale“ Wirtschaft immer nur ihnen dient. Daher benötigten sie auch zum Austausch der Waren ein Geldsystem.

    Menschen, die im Lokalen miteinander das Leben gestalteten, waren raus aus diesem „Getriebe“. Sie wurden erst im 17. Jahrhundert, quasi nach dem 30-Jährigen Krieg durch die dann stärker einsetzenden Staatsstrukturen, die die alten Guilden verboten, immer mehr für dieses Wirtschaftssystem dingfest gemacht. In diesen Guilden hat man sich gegenseitig gestützt. In diesen kleineren Strukturen gestalteten die Mitglieder größtenteils noch selbst. In den größeren Staatsstrukturen zunehmend weniger bis gar nicht mehr. Das gilt auch für Unternehmungen, die stark von oben nach unten dirigierend geführt werden.

    Wir sehen allerdings aufgrund der zunehmend sich schneller ändernden Rahmenbedingungen, dass dieses zentralistische Durchregieren (ob Staat oder Unternehmen) nicht mehr passt (siehe das Buch Antifragilität von Taleb), d.h. die Entscheidungen werden zunehmend in die Peripherie gebracht, wo die Einzelnden wirken und am Besten wissen, was es braucht.

    Wir kommen Not-wendigerweise zunehmend weg von der Fremdbestimmung rein in die Selbstbestimmung. Was allerdings schon die nächste Gefahr birgt: anstelle der Fremdausbeutung geht es rein in die Selbstausbeutung, wo man sich dann fragt, warum das Ausbrennen immer mehr zunimmt …

    Ist das für Dich OK so: http://wirdemo.buergerstimme.com/2014/10/mitarbeiter-partner-produktionsmittel-oder-nur-produkt/

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