Experimente statt Einheitsbrei

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Wo viele Projekte durchgeführt werden, entsteht schnell ein gewisser Drang zur Vereinheitlichung der Methodik. Der Wunsch nach wiederholbar guten Projekten ist auch verständlich, Standardisierung und Patentrezepte garantieren aber maximal Mittelmäßigkeit. Aus Tütensuppe wird eben kein Fünf-Sterne-Menü. Das reicht vielleicht für das kleine Projekt zwischendurch, aber nicht für die komplexen Herausforderungen unserer Zeit. Projektmanagement braucht Freiraum für Experimente, Adaption und Variation statt iso-zertifiziertem Einheitsbrei.

Es muss ja nicht jeder das Rad neu erfinden. So lautet das Credo der zwanghaften Standardisierer. Als gäbe es für alles einen einzigen besten Weg zum Ziel. Und doch wurde gerade das Rad in den letzten Jahrtausenden immer und immer wieder neu erfunden, verbessert und für verschiedene Einsatzgebiete adaptiert. Verbesserung muss den Standard in Frage stellen. Oder umgekehrt: Rigide Standards verhindern Verbesserung.

For every complex problem there is an answer that is clear, simple, and wrong.
H. L. Mencken

Das bedeutet nicht, dass jeder permanent alles in Frage stellen soll. Selbstverständlich muss berücksichtigt werden, was in einem ähnlichen Kontext bereits funktioniert hat. Wenn bereits gute Räder für Kieswege existieren, muss man sie wirklich nicht neu erfinden. Dem Griff in den Methodenbaukasten voran geht also eine Bestimmung der Situation. Somit kann es auch nie den einen richtigen Standard und den einen richtigen Satz an Methoden geben. Methoden müssen vielmehr immer im Kontext ihrer Entstehung und bisherigen Verwendung gesehen werden.

Wer als Werkzeug nur einen Hammer hat, sieht in jedem Problem einen Nagel.
Paul Watzlawick

Methodenbaukästen stellen ein Angebot an Bewährtem dar, auf das aufgesetzt werden soll. Es ist aber stets zu prüfen, ob die Methoden noch auf die jeweilige Situation passen. Besteht daran berechtigter Zweifel, dürfen und sollen sie ihrem Sinn nach angepasst werden. Diese Adaption und Variation erfordert von den Handelnden Erfahrung, um die Situation richtig einzuschätzen. Mehr noch braucht es aber Mut, weil von Bewährtem abgewichen wird und man sich damit angreifbar macht. Wer mit Bewährtem scheitert, kann sich zum Opfer der Umstände stilisieren (die er freilich nicht erkannt und sein Handeln entsprechend angepasst hat); wer aber aufgrund seiner Einsicht einen neuen Weg einschlägt und dabei scheitert, muss sich für die Abweichung rechtfertigen (jedenfalls in einer negativen Fehlerkultur die geprägt ist von Angst und Schuld).

There is a belief in the company that if you don’t fail often enough, you’re not trying hard enough.
Gopi Kallayil, Chief Evangelist bei Google

Die Kunst besteht nun darin, die Variationen zu erkennen und wieder in den gemeinsamen Methodenfundus zurückzuführen. Niemals dürfen Standards nur als Vorgabe einer zentralen Governance-Abteilung gesehen werden, die kraft höherer Einsicht diesen einen Weg der Projektdurchführung in Stein gemeißelt hat. Wenn es dieser zentralen Abteilung überhaupt bedarf, dann nur um den Methodenbaukasten lebendig zu erhalten. Die Hauptaufgabe bestünde also weniger darin, abstrakte Vorgaben zu machen und ihre iso-konforme Einhaltung zu kontrollieren, sondern vielmehr im Community-Management und Knowledge-Management: Aus einer hohen Vernetzung der Handelnden in den Projekten eine Kultur des offenen Austauschs aufbauen und so das Wissen und die Erfahrung an zentraler Stelle für alle gut verfügbar machen.

2 Kommentare

  1. Kai Müller

    Hallo Marcus,
    im agilen Manifest heißt es:

    Reagieren auf Veränderung mehr als das Befolgen eines Plans

    Standards sind für mich wie ein Plan, der aus vergangenen Erfahrungen abgeleitet wurde. Standards sind extrem wichtig, wenn eine kontinuierliche Verbesserung angestrebt wird, da sie die gemachten Erfahrungen sichtbar machen. Etwas Neues muss aber mehr sein als das Alte und von daher muss das Einhalten von Standards eine Orientierung aber nicht das Ziel sein.

    Lieben Gruß und alles Gute für die gewachsene Familie.

    Kai

    • Lieber Kai, danke für Deinen Kommentar und Deine Glückwünsche! Genau darum ging es mir: Das Einhalten von Standards darf immer nur Orientierung sein. Schwierig wird es immer wenn Standards zur Allgemeingültigkeit mit Absolutheitsanspruch erhoben werden und in praxisfernen Methodenabteilungen weiterentwickelt werden. Da muss ich dann immer an das Glasperlenspiel von Herman Hesse denken.

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