Sinnlose Prozesse

Keine Angst, es geht jetzt nicht dar­um, dass Pro­zes­se an sich sinn­los oder wenigs­tens man­che nicht wirk­lich wert­schöp­fend sind (auch das soll ja vor­kom­men). Es geht viel­mehr dar­um, dass jenen, wel­che die Pro­zes­se aus­füh­ren der Sinn eben die­ser Pro­zes­se ver­lo­ren gegan­gen ist oder ihnen nie ver­mit­telt wur­de. Es geht dar­um, dass Men­schen in Orga­ni­sa­tio­nen nur ihre Rol­le und ihren Aus­schnitt des Pro­zes­ses ver­stan­den haben, aber das eigent­li­che Ziel nicht (mehr) ken­nen, also dar­um, dass Men­schen nur Stei­ne behau­en ohne zu ver­ste­hen, dass sie eine Kathe­dra­le bau­en, um im belieb­ten Bild zu blei­ben.

When it comes to pro­ces­ses, adhe­rence to the pro­cess fre­quent­ly beco­mes the objec­ti­ve, as oppo­sed to achie­ving the objec­ti­ve that the pro­cess was put in place to achie­ve. The goal then beco­mes to avoid errors in the pro­cess, and when errors are made, addi­tio­nal over­seers and inspec­tors are added. The­se over­seers don’t do anything to actual­ly achie­ve the objec­ti­ve. They only iden­ti­fy when the pro­cess has gone bad after the fact.
David Mar­quet

Was David Mar­quet für sein Atom-U-Boot, die USS San­ta Fe, so tref­fend for­mu­liert, kommt sicher­lich vie­len aus ihren Orga­ni­sa­tio­nen bekannt vor. Pro­zes­se wer­den befolgt, damit die Pro­zes­se befolgt wer­den. Die Ein­hal­tung der Pro­zes­se wird kon­trol­liert und Abwei­chun­gen sank­tio­niert. Das Befol­gen wird zum Selbst­zweck und das eigent­lich Ziel die­ser Pro­zes­se tritt in den Hin­ter­grund und wird nach und nach kom­plett ver­ges­sen.

Wo Mut zu eige­nen Erfah­run­gen nicht belohnt wird, wird es kei­ne Agi­li­tät geben, son­dern Dienst nach Vor­schrif­ten auf Tüten­sup­pen­ni­veau.

Ein wenig erin­nert die­ser Effekt an das ger­ne zitier­te Expe­ri­ment: Fünf Affen wur­den von Wis­sen­schaft­lern in einen Käfig gesperrt, in des­sen Mit­te eine Lei­ter mit Bana­nen am obe­ren Ende steht. Immer wenn ein Affe die Lei­ter hin­auf­klet­ter­te, wur­den die rest­li­chen Affen mit kal­tem Was­ser bespritzt. Nach eini­ger Zeit, schlu­gen die ande­ren Affen den Affen, der ver­such­te die Lei­ter hoch­zu­klet­tern, so dass schließ­lich kei­ner der Affen mehr ver­such­te hoch­zu­klet­tern. Dann wur­den nach und nach die Affen aus­ge­tauscht, wobei jeder neue Affe zunächst ver­such­te an die Bana­nen zu kom­men, aber von den ande­ren dar­an gehin­dert wur­de. Selbst als alle Affen aus­ge­tauscht waren und damit kei­ner der Affen mehr wis­sen konn­te, war­um man die Bana­nen nicht holen durf­te, wur­de das Ver­hal­ten bei­be­hal­ten. Auch wenn die­ses Expe­ri­ment so ver­mut­lich nie durch­ge­führt wur­de, zeugt sei­ne Popu­la­ri­tät doch davon, dass es ein all­seits bekann­tes Phä­no­men tref­fend beschreibt: Wir wis­sen zwar nicht war­um, aber das haben wir schon immer so gemacht.

Die Jahr für Jahr sehr betrüb­lich stim­men­den Ergeb­nis­se des Gal­lup Enga­ge­ment Index, wonach 70% der Mit­ar­bei­ter „nur“ Dienst nach Vor­schrift ver­rich­ten und 15% sogar schon inner­lich gekün­digt haben, kann man auch als Indi­ka­tor von sinn-losen oder jeden­falls sinn-ver­ges­se­nen Pro­zes­sen ver­ste­hen. Wo das Befol­gen der Pro­zes­se zum Selbst­zweck ver­kom­men ist, kann auch gar nicht mehr als Dienst nach Vor­schrift erwar­tet wer­den.

Wenn Du ein Schiff bau­en willst, dann rufe nicht die Men­schen zusam­men, um Holz zu sam­meln, Auf­ga­ben zu ver­tei­len und die Arbeit ein­zu­tei­len, son­dern leh­re sie die Sehn­sucht nach dem gro­ßen, wei­ten Meer.
Antoi­ne de Saint-Exu­pé­ry

Nicht die Pro­zes­se selbst sind das Pro­blem und auch nicht das Befol­gen der Pro­zes­se. Pro­ble­ma­tisch ist, dass das eigent­lich Ziel des Pro­zes­ses den Aus­füh­ren­den ver­lo­re­nen gegan­gen ist oder nie ver­mit­telt wur­de. Füh­rung muss Ori­en­tie­rung geben. Wo Pro­zes­se um ihrer selbst wil­len befolgt wer­den, gibt es viel­leicht ganz viel Manage­ment, aber es fehlt an Füh­rung. Neh­men wir uns das bekann­te Zitat von Antoi­ne de Saint-Exu­pé­ry zu Her­zen und leh­ren die Men­schen die Sehn­sucht nach dem Meer. Und las­sen wir uns inspi­rie­ren von David Mar­quet, der als Kom­man­dant der USS San­ta Fe auf kon­kre­te Anwei­sun­gen ver­zich­te­te, aber umso mehr Wert dar­auf leg­te, dass allen das eigent­li­che Ziel ihres Tuns inner­halb der über­ge­ord­ne­ten Mis­si­on klar war.

If you want peop­le to to think, give them intent, not inst­ruc­tion.
David Mar­quet

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