Organisierte Verdummung

Das High­lan­der-Prin­zip in sei­ner unse­li­gen Aus­le­gung als All­mäch­tig­keit und All­wis­sen­heit eines ein­zi­gen Ver­ant­wort­li­chen steht für mich an zen­tra­ler Stel­le im (noch zu schrei­ben­den) klei­nen Hand­buch für den „Pro­ject Mana­ger from Hell“. Eng ein­her mit die­sem hel­den­haf­ten Selbst­ver­ständ­nis geht das soge­nann­te Need-to-know-Prin­zip, also die Leit­li­nie, dass jeder Mit­ar­bei­ter nur Zugriff auf sol­che Infor­ma­tio­nen haben soll, wel­che für die unmit­tel­ba­re Erfül­lung sei­ner Auf­ga­ben not­wen­dig sind. Die Fol­gen die­ser orga­ni­sier­ten Ver­dum­mung sind Silo­den­ken und Abgren­zung, wo Krea­ti­vi­tät und Koope­ra­ti­on drin­gend gebraucht wür­den.

Was für gehei­me Infor­ma­tio­nen als Prin­zip durch­aus sinn­voll sein mag, behin­dert bei der Über­tra­gung auf Pro­jek­te und ande­re Füh­rungs­si­tua­tio­nen erheb­lich und ganz bewusst den Infor­ma­ti­ons­fluss. In bes­ter tay­lo­ris­ti­scher Manier wird erwar­tet, dass sich jeder um sei­ne und nur sei­ne Auf­ga­ben küm­mert. Wer wel­che Auf­ga­be hat und was er dazu für Infor­ma­tio­nen braucht, ent­schei­det der all­wis­sen­de Mana­ger. Ein Den­ken über den Tel­ler­rand des eige­nen unmit­tel­ba­ren Auf­ga­ben­ge­biets hin­aus ist damit nicht mög­lich, wird aber den­noch gern gefor­dert, ins­be­son­de­re dann wenn es Mal wie­der an den Schnitt­stel­len zwi­schen den Silos mit der Abstim­mung hapert.

Wer hat Ihnen befoh­len zu den­ken?! Ich gebe Ihnen gar­nicht genug Infor­ma­tio­nen, daß es sich lohnt zu den­ken. Sie wer­den nur das tun, was man Ihnen befiehlt!
Aus dem Film „Total Recall“

Die­se orga­ni­sier­te Ver­dum­mung ist ein mäch­ti­ges Werk­zeug, des­sen sich der tay­lo­ris­ti­sche Mana­ger gern bedient. Er wird dadurch zwar zum Eng­pass, aber eben auch unent­behr­lich. Begrün­det wird das dann ger­ne damit, dass die ein­fa­chen (sic!) Mit­ar­bei­ter gar nicht mit der Fül­le oder Kri­ti­ka­li­tät der Infor­ma­tio­nen umge­hen kön­nen, wol­len oder sol­len. Es wür­de sie sozu­sa­gen nur unnö­tig belas­ten, wenn sie mehr wüss­ten, als für die Erfül­lung ihrer Auf­ga­be not­wen­dig wäre. Man will also nur das Bes­te für die Mit­ar­bei­ter! Ob die­se pater­na­lis­ti­sche Grund­hal­tung im Umgang mit erwach­se­nen Wis­sens­ar­bei­tern im 21. Jahr­hun­dert noch ange­bracht und moti­vie­rend ist, darf aller­dings zu Recht bezwei­felt wer­den und wird es auch immer mehr.

Why is it every time I ask for a pair of hands, they come with a brain atta­ched?
Hen­ry Ford

Wis­sen ist Macht. Und Wis­sen über Geld ist noch mehr Macht. Daher wird als ganz bes­son­ders schüt­zens­wert alles Finan­zi­el­le ange­se­hen, sei es das zur Ver­fü­gung ste­hen­de Bud­get und die Bud­get­pla­nung im Pro­jekt. Natür­lich muss der ein­zel­ne Mit­ar­bei­ter dar­über eigent­lich nicht viel wis­sen, aber all­zu sehr belas­ten wür­de es ihn wohl nicht. Ganz sicher wür­de es aber frü­her oder spä­ter zu Nach­fra­gen kom­men, ins­be­son­de­re dann wenn das Geld knapp ist. Schnell wäre dann der High­lan­der in der Situa­ti­on, sich für die Ver­tei­lung des Bud­gets recht­fer­ti­gen zu müs­sen. Zwar sind die­se Tran­pa­renz und die damit ein­her­ge­hen­de Dis­kus­sio­nen unbe­quem und gehen mit einem gefühl­ten Macht­ver­lust ein­her, bie­ten aber auch die Chan­ce, gemein­sam bes­se­re Lösun­gen zu fin­den oder jeden­falls bes­ser akzep­tier­te Lösun­gen. Wie immer eine Fra­ge der Hal­tung.

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3 Kommentare

Hal­lo Mar­cus, tol­le Zita­te hast Du für die­sen Arti­kel gefun­den :)
Du hast ja sowas von Recht, aber wie kann man das Errei­chen? Man bräuch­te mehr Men­schen mit Wir-Den­ke und weni­ger Ego­zen­tri­ker. Aber unse­re Gesell­schaft för­dert doch die Ego­zen­tri­ker weil schon über­all im Bil­dungs­we­sen der Wett­be­werb von Indi­vi­dua­lis­ten gepflegt wird. Wo und wann ler­nen jun­ge Men­schen wie sich Erfolg im Team anfühlt? Und wie fließt eine Team­leis­tung in ein Schul- oder Arbeits­zeug­nis ein?
Ich fürch­te es braucht Anpas­sun­gen im Sys­tem (dem Unter­neh­men oder gleich der Gesell­schaft) damit das, was Du Dir wünscht, in der Brei­te gelebt wird. Mit dem Wil­len zur Ver­än­de­rung kann ein Unter­neh­men Rah­men­be­din­gen schaf­fen, in dem kei­ne High­lan­der son­dern Wir-Den­ke geför­dert wer­den. Aber nur dem ein­zel­nen High­lan­der zu sagen, er sol­le sei­ne Ver­hal­tens­wei­sen ändern, wird ver­mut­lich kei­nen Effekt haben. Hof­fent­lich lesen Dei­nen Blog vie­le Leu­te, die eine Sys­tem­ver­än­de­rung beein­flus­sen kön­nen.
Bes­ten Gruß
Tonio

Hal­lo Tonio, vie­len Dank für Dei­nen Kom­men­tar und Dei­ne Zustim­mung. Mit unse­rem auf Kon­kur­renz geeich­ten heu­ti­gen Sys­tem, wer­den wir immer die­se Defi­zi­te der Abgren­zung und Macht­si­che­rung haben. Und ja, das beginnt heu­te schon im Schul­sys­tem und bei man­chen Eltern schon davor (Stich­wort: früh­kind­li­che För­de­rung). Wich­tig aus mei­ner Sicht ist, dass mög­lichst vie­le mit neu­en und eher auf Koope­ra­ti­on beru­hen­den Ansät­zen (die im übri­gen auch gesün­der sind) expe­ri­men­tie­ren und bewei­sen, dass es anders und anders bes­ser geht. Das alte Sys­tem wer­den wir nicht ändern, es muss evo­lu­tio­när (evtl. revo­lu­tio­när) von einem bes­se­ren ver­drängt wer­den.

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