Monate: Juli 2016

Anzeichen einer Angstkultur

Jede Organisation bildet automatisch eine spezifische Organisationskultur. Explizit und implizit regelt diese Kultur das Zusammenleben durch Werte, Norme und Paradigme. Jenseits der beschriebenen Werte einer Organisation, in denen die üblichen Verdächtigen Vertrauen, Respekt und Wertschätzung sich wie ein Mantra wiederholen, gibt es undokumentierte, dafür aber umso mächtigere Leitmotive. Nicht selten ist Angst das dominierende Leitmotiv, erkennbar an untrüglichen Anzeichen wie Abschottung, Misserfolgsvermeidung und Schuldzuweisungen.

Engagement durch Autonomie

Das Ausmaß der Erniedrigungsbürokratie (Reinhard K. Sprenger) ist in vielen Unternehmen erschreckend. Erwachsene Menschen werden entmündigt und infantilisiert. Die Motive dafür reichen von Kontrolle bis Fürsorge. Andererseits konstatierte schon Peter F. Drucker, dass sich Wissensarbeiter selbst managen müssen. Diese Autonomie hat maßgeblichen Einfluss auf die Motivation von Menschen. Und umgekehrt erklärt das Fehlen dieser Autonomie einen Gutteil der katastrophalen Ergebnisse des jährlichen Gallup Engagement Index, wonach 70% der Arbeitnehmer in Deutschland nur Dienst nach Vorschrift machen und 15% sogar schon innerlich gekündigt haben. Jede Reise beginnt mit einem kleinen Schritt, heißt eine chinesische Weisheit. Die Reise zu mehr Autonomie und Mündigkeit beginnt mit weniger Auslastung, freier Wahl von Arbeitsmitteln, Arbeitsort und -zeit sowie freier Wahl von persönlicher Weiterbildung.

Agilität oder Stabilität? Beides!

Durch die disruptive Kraft der Digitalisierung sehen sich immer mehr etablierte Unternehmen mit neuen Konkurrenten konfrontiert. Völlig unbelastet von zu Silos erstarrter funktionaler Teilung und der damit einhergehenden Bürokratie ändern diese Startups blitzschnell die Richtung und erfinden sich ständig neu. Und so scheint es manchem, als wäre die Agilität der Neuen und die Stabilität der Alten ein Gegensatz wie warm und kalt. Tatsächlich sind Agilität im Sinne von Wendigkeit und Effektivität und Stabilität im Sinne von Verlässlichkeit und Effizienz zwei unabhängige Qualitäten einer Organisation. Beides ist notwendig im jeweils richtigen Maß.

Führen mit Angst

Sie haben das Gerede von Augenhöhe und dienender Führung auch satt? Dann befinden Sie sich in guter Gesellschaft. Schon der große römische Kaiser Caligula hatte den Wahlspruch „Oderint, dum metuant“ was soviel heißt wie „Sollen sie mich hassen, solange sie mich fürchten.“ Und hat Ludwig XIV. („L’État, c’est moi!“) nicht Großartiges vollbracht ganz ohne Kuschelkurs? Es kann nur einen geben und das sind Sie als Führungskraft und Ihr wichtigstes Machtinstrument ist die Angst. Lesen Sie ruhig weiter, dieser Ausschnitt aus dem Handbuch für den kleinen Konzernautokraten ist genau das richtige für Sie!

Spaltmaßfixierung und Startup-Kultur

Veränderung liegt in der Luft. Neue Wettbewerber mit neuen digitalen Geschäftsmodellen oder vielleicht nur mit Ideen von solchen Geschäftsmodellen brechen in sicher geglaubte Bastionen deutscher Perfektion und Präzision ein. Die Reaktionen der traditionellen Unternehmen reichen von Angst über Arroganz zu Ablehnung und Technikfeindlichkeit. Viele traditionelle Unternehmen spüren allerdings, dass sie sich verändern müssen, wenn sie überleben wollen. Dabei steht uns in Deutschland unsere bisherige Stärke im Weg. Perfekt soll es sein. Weniger ist uns nicht genug. „Fail fast, fail cheap“ hat für deutsche Ingenieure und Manager immer auch den Beigeschmack der Schlampigkeit an der Grenze zur Verletzung der Sorgfaltspflicht.