Die agile Transformation braucht keine Helden

Liebe Ent­schei­der, die ihr eure Orga­ni­sa­ti­on agi­ler machen wollt, sehnt euch nicht nach Hel­den und Heils­brin­gern für eure agi­le Trans­for­ma­ti­on. Und hört auf, Blau­pau­sen zu kopie­ren und mit Frame­works Agi­li­tät per Koch­re­zept ein­zu­füh­ren. Die agi­le Trans­for­ma­ti­on ist kein Pro­jekt, son­dern ein lan­ger Weg ohne Ziel, auf dem aus einer mitt­ler­wei­le zu star­ren Orga­ni­sa­ti­on eine immer wand­lungs­fä­hi­ge­re wird. Unsi­cher­heit gehört zum Wan­del dazu, Hel­den und Koch­re­zep­te nicht. Im Gegen­teil, Hel­den und Macher machen abhän­gig, indem sie die Ver­ant­wor­tung für die Wei­ter­ent­wick­lung der Arbeits­wei­se über­neh­men, anstatt die Teams und Mit­ar­bei­ter nach­hal­tig dazu zu ermächtigen.

A good tra­ve­ler has no fixed plans and is not intent on arriving.
Lao Tzu

Kul­tur ist die Sum­me der Ver­hal­tens­mus­ter und Men­schen, die in Orga­ni­sa­tio­nen geför­dert und belohnt wer­den. In vie­len Fäl­len sind das die Hel­den und Macher, die alles im Griff und Öl an den Fin­gern haben. Wo aber Hel­den gefor­dert und geför­dert wer­den, wird es auto­ma­tisch Situa­tio­nen geben, die Hel­den benö­ti­gen, so dass sich die Kul­tur selbst bestä­tigt. Das erklärt gera­de in schwie­ri­gen und unsi­che­ren Zei­ten mit gro­ßen Her­aus­for­de­run­gen den Ruf nach Hel­den und am bes­ten sol­chen Hel­den mit einem erprob­ten und ganz ein­fa­chen Kochrezept.

For every com­plex pro­blem the­re is an ans­wer that is clear, simp­le, and wrong.
H. L. Mencken

Nach vie­len Jah­ren und Irr­we­gen lässt sich mei­ne Füh­rungs­phi­lo­so­phie am bes­ten in der Leit­li­nie von Götz W. Wer­ner zusam­men­fas­sen: „Füh­rung ist heu­te nur noch legi­tim, wenn sie die Selbst­füh­rung der ihr anver­trau­ten Mit­ar­bei­ter zum Ziel hat.“ Die­se neue Füh­rung muss in Hel­den­kul­tu­ren auf Wider­stand und Unver­ständ­nis sto­ßen und wird irgend­wo zwi­schen Faul­heit, Unfä­hig­keit und Ver­nach­läs­si­gung der Für­sor­ge­pflicht inter­pre­tiert.

Nun könn­te man das als mein per­sön­li­ches Pro­blem begrei­fen. Man kann das aber auch als kul­tu­rel­le Her­aus­for­de­rung sehen und sich fra­gen, wel­che Art der Füh­rung für eine agi­le Trans­for­ma­ti­on för­der­lich ist: die lau­ten Macher mit dem Öl an den Fin­gern oder die Gestal­ter, die Impuls­ge­ber, die Quer- und Neu­den­ker, die Netz­wer­ker und Coa­ches, denen die Sache, die Ergeb­nis­se und vor allem die Men­schen wich­ti­ger sind als ihr eige­nes Ego. Aus­ge­hend von Prin­zip der Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on kom­me ich ein­deu­tig zum sel­ben Schluss wie Götz W. Werner.

Wo die Kul­tur Füh­rung mit hel­den­haf­ten Machern gleich­setzt, wird Auto­no­mie und Agi­li­tät ohne Ände­rung die­ser Kul­tur nicht gut gedeihen.

Die agi­le Trans­for­ma­ti­on braucht ein­deu­tig Füh­rung, aber genau­so ein­deu­tig braucht sie Füh­rung, deren Ziel die Selbst­füh­rung der Mit­ar­bei­ter sein muss. Natür­lich muss eine agi­le Trans­for­ma­ti­on orga­ni­siert und gestal­tet wer­den. Und natür­lich braucht es auch immer wie­der mal Impul­se und Stö­run­gen, damit die Ver­än­de­rung in Bewe­gung kommt. Immer aber mit dem Ziel, die Orga­ni­sa­ti­on und vor allem die Men­schen dar­in erfolg­reich zu machen. Und erfolg­reich waren und sind sie dann, wenn es eben kei­nen Hel­den und Macher mehr braucht und frei nach Lao-Tse alle sagen: „Das haben wir selbst geschafft!“

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Von Marcus Raitner

Hi, ich bin Marcus. Ich bin der festen Überzeugung, dass Elefanten tanzen können. Daher begleite ich Organisationen auf ihrem Weg zu mehr Agilität. Über die Themen Führung, Digitalisierung, Neue Arbeit, Agilität und vieles mehr schreibe ich seit 2010 in diesem Blog. Mehr über mich.

7 Kommentare

Eine Alter­na­ti­ve Mög­lich­keit, das zu beschrei­ben: Statt ein­zel­ner Super­hel­den müs­sen alle ein biss­chen Held sein. Näm­lich im Ansto­ßen von und Umgang mit Ver­än­de­rung bezie­hungs­wei­se ins­be­son­de­re Kol­la­bo­ra­ti­on. Schwarm­hel­den­tum oder so. ;)

Hal­lo Marcus,

Well Said! Zum Schluss besteht jede Orga­ni­sa­ti­on aus Men­schen. Die müs­sen sich ändern (ler­nen), nach­hal­ti­ge Ver­än­de­rung beginnt im Kopf des Einzelnen.

Herr Rait­ner,
vie­len Dank für die­sen Artikel.
„Der Weg ist das Ziel“ springt einem sofort in den Sinn.
Die­se Sicht­wei­se ist inso­fern auch Sinn-voll, wie Ver­än­de­rung eben auch nur mit bestän­di­ger Mit­ver­än­de­rung bzw. Anpas­sung und „Mitkommen“/Mithalten über­stan­den und gemeis­tert wer­den kann.
Ich fin­de es gut, dass der Bei­trag noch ein­mal deut­lich macht, dass es eben nicht das „Alles auf eine ein­zi­ge Säu­len stel­len“ ist, son­dern das „vie­le Schul­tern tra­gen viel“ ist, das Robust­heit erzeugt.
Auch das Unter­ord­nen des eige­nen Egos unter die eigent­li­che Sache ist ein wich­ti­ger Punkt – und lei­der, lei­der, so oft auch der kri­tischs­te Stol­per­stein und Wider­ha­ken überhaupt.

Des­we­gen: Sehr schön und wich­tig auf die essen­ti­el­len Punk­te gebracht!

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