Führung

Die sieben Todsünden neuer Führung

Wer Agilität fordert, kommt nicht umhin Führung und Führungsphilosophie zu hinterfragen. Dank diesem Trend, Organisationen anpassungsfähiger zu machen, kommen Führungsfragen wieder in den Fokus, die mindestens seit dem Aufkommen der Wissensarbeit ein Thema hätten sein sollen. Auch für mich als einen eher religiös unmusikalischen Menschen, wie es Max Weber ausdrückte, bietet die Religion doch einen großen Fundus an Weisheit. Die sieben Hauptsünden oder Todsünden der katholischen Theologie geben beispielsweise einen guten Rahmen, zur Auseinandersetzung mit Führungsverhalten und Führungslastern.

Hochmut

Sie sind der Chef. Bei Ihnen laufen die Fäden zusammen. Sie wissen wo vorne ist. Das zeigen Sie deutlich bei jeder Gelegenheit. L’enfer c’est les autres, die Hölle, das sind die Anderen, schrieb Jean-Paul Sartre und Sie verstehen jeden Tag, was er damit gemeint hat. Widerspruch lassen Sie gar nicht erst entstehen, da halten sie es wie Vilos Cohaagen im Film Total Recall: „Wer hat Ihnen befohlen zu denken?! Ich gebe Ihnen gar nicht genug Informationen, daß es sich lohnt zu denken. Sie werden nur das tun, was man Ihnen befiehlt!“

Hochmut ist die Weigerung, sich in seiner eigenen Menschlichkeit anzunehmen. Die Blindheit für die eigenen blinden Flecken.
Erzdiözese Wien

Führung beginnt immer bei der Selbstführung, bei der eigenen Menschlichkeit und dem eigenen Menschenbild. Mehr denn je heißt Führung heute, dem Leben dienen, Leben hervorlocken in den Menschen, Leben wecken in den Mitarbeitern, wie es Anselm Grün schön ausdrückt. Das gelingt nur mit demütiger Zurückhaltung und der klaren Absicht, andere erfolgreich zu machen.

Demut ist die Tugend der Starken, die wollen, dass die Dinge gut werden.
Romano Guardini

Geiz

Wissen ist Macht, Ihre Macht! Und mehr exklusives Wissen, heißt mehr exklusive Macht für Sie. Geizen Sie mit Informationen. Setzen Sie konsequent auf Need-to-Know und halten ihre Mitarbeiter dumm. Schließlich treffen Sie hier die Entscheidungen!

Geiz ist Lebensverneinung. Anhäufen toter Dinge. Das Haben ist wichtiger als das Leben.
Erzdiözese Wien

Führung sei heute nur noch legitim, wenn sie die Selbstführung der anvertrauten Mitarbeiter zum Ziel hat, schrieb Götz W. Werner. Selbst führen können sich Menschen in autonomen agilen Teams aber nur, wenn Informationen und Wissen frei zirkulieren können. Damit Agilität nicht im Chaos endet und sich trotz aller Flexibilität und Kundenorientierung eine gemeinsame Richtung ergibt, braucht es Führung. Führung im Sinne von Orientierung. Nicht notwendigerweise durch Führungskräfte und ganz sicher nicht durch solche die Vernetzung behindern, aber doch als gemeinsames Verständnis von Sinn, Vision, Zielen und Auftrag. Need-to-share ist das neue Need-to-know!

Zorn

Oderint, dum metuant, sollen sie mich hassen, so lange sie mich fürchten, der Wahlspruch des römischen Kaisers Caligula ist auch Ihrer. Schluss mit dem Gerede um Augenhöhe. Der Chef, das sind Sie! Und Ihr Job ist es, den Minderleistern täglich richtig einzuheizen. Leider ist Micro-Management in letzter Zeit ein wenig in Verruf gekommen, aber sind wir doch mal ehrlich, nur mit Druck und Kontrolle funktioniert hier überhaupt etwas!

Wenn wir, sagtest du, die Menschen nur nehmen, wie sie sind, so machen wir sie schlechter. Wenn wir sie behandeln, als wären sie, was sie sein sollten, so bringen wir sie dahin, wohin sie zu bringen sind.
Johann Wolfgang von Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre VIII, 4

Führen heißt den Menschen so zu sehen, wie er sein könnte und ihm zu helfen, sein Potential zu entfalten. Angst, Druck, Bitterkeit und Zorn führen höchstens kurzzeitig zum Erfolg. Langfristig führen sie zu innerer Kündigung, Dienst nach Vorschrift, Suche nach Schuldigen, Rechtfertigungs- und Abstimmungsorgien und vielem nicht besonders wertschöpfenden Auswüchsen. Führung ist nicht länger ein Privileg, sondern eine Dienstleistung für die Mitarbeiter. Bei der Hotelkette Upstalsboom hat Bodo Janssen unlängst eindrucksvoll bewiesen, dass Wertschöpfung durch Wertschätzung funktioniert.

Missgunst

Konkurrenz treibt Sie an. Höher, weiter, besser, das ist ihr Motto. Sie geben alles. Das ist auch nötig, nur so überlebt man in diesem Haifischbecken. Immer haben Sie die anderen, internen Konkurrenten, die Nachbarabteilung und die ambitionierten Emporkömmlinge im Blick. Immer auf ein Missgeschick lauernd, von dem Sie im Konkurrenzkampf profitieren können. Keiner beherrscht dieses Spiel wie Sie. Darum haben Sie das meiste Budget, die meisten Mitarbeiter, den dicksten Firmenwagen, das schönste Eckbüro.

Das Übel des Neids besteht im Sich-Vergleichen und dabei finden, was ich nicht habe.
Erzdiözese Wien

Der Eifer des Konkurrenzkampfes muss sich nach außen richten, auf den Kunden. Die Energie die im internen Gegeneinander und bestenfalls Nebeneinander sinnlos verpufft fehlt dem Unternehmen nach außen. Neue Führung fördert Kooperation und eine ausgeprägte Lernkultur durch Offenheit und Vernetzung, wie David Marquet auf dem Atom-U-Boot USS Santa Fe, wo er die einfache Regel aufstellte: „There is no ‚they‘ on Santa Fe!“. Wir statt die!

Break down barriers between departments. People in research, design, sales, and production must work as a team.
W. Edwards Deming

Unmäßigkeit

Da geht noch was! Dann müssen die Mitarbeiter eben länger bleiben. Oder schneller arbeiten. Wenn das Projekt zu spät dran ist, stecken sie einfach mehr Ressourcen rein. Viel hilft viel!

Adding human resources to a late software project makes it later.
Fred Brooks, The Mythical Man-Month

Wenn Du es eilig hast, gehe langsam, sagt ein chinesisches Sprichwort. Und in der Toskana heißt es, dass die Olive nicht schneller wächst, wenn man daran zieht. Alles hat seine Geschwindigkeit und braucht das richtige Maß. Ein schönes Kriterium für diese maßvolle Nachhaltigkeit ist in den Prinzipien des agilen Manifests formuliert: „Agile Prozesse fördern nachhaltige Entwicklung.
Die Auftraggeber, Entwickler und Benutzer sollten ein gleichmäßiges Tempo auf unbegrenzte Zeit halten können.“

Trägheit

Ihr Kalender ist immer zum Bersten voll. Sie tanzen auf tausend Hochzeiten. Alles ist gleich wichtig. Das eine tun, aber das andere nicht lassen, ist Ihr Wahlspruch.

Die Mönche fürchteten die ”Akedia“, ein Wort, das man schlecht übersetzen kann. Oft wurde es mit Trägheit oder Lustlosigkeit übersetzt. Eigentlich ist es die Unfähigkeit, jetzt im Augenblick zu sein.
Erzdiözese Wien

Fehlende Fokussierung verschwendet wertvolle Energie. Gerade agile Organisationen brauchen eine kraftvolle gemeinsame Vision, einen gemeinsamen Sinn und gemeinsame Ziele, die den Aktivitäten eine Richtung zu geben und das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen. Genau deshalb setzen Unternehmen wie Google konsequent Ziele und Fokus zum Beispiel mittels Objectives and Key-Results.

You can do anything, but not everything.
David Allen

Unkeuschheit

Sie haben ein untrügliches Gespür dafür, was anderen wichtig ist und was sie hören wollen und bedienen das auch gern. So hängen Sie Ihr Fähnchen geschickt in den Wind. Das wofür sie gestern bei Ihrem Chef noch brannten, wird im Gespräch mit Ihren Mitarbeitern, mal wieder so eine Idee von oben. Was sie dem einen als Ihre Herzensangelegenheit verkaufen, machen Sie beim nächsten schlecht.

Keusch ist ein Mensch, der innerlich klar ist, der ein Gespür hat für das Richtige.Erzdiözese Wien

Führung gibt Orientierung. Und Orientierung braucht Klarheit. Beliebtheit durch Beliebigkeit mag konfliktarm und karrierefördernd sein, führt aber letztlich zu frustrierender Orientierungslosigkeit.

Autor

Mein Name ist Marcus Raitner. Über die Themen Führung, Agilität und Digitalisierung schreibe ich regelmäßig in diesem Blog. Schreiben bedeutet für mich Nachdenken über Erlebtes auch und gerade im Dialog mit meinen Lesern. Hauptberuflich begleite die Veränderung von Organisationen hin zu mehr Agilität. Mein Motto dabei lautet: Zusammenarbeit gestalten auf Augenhöhe. Ich war seit der ersten Stunde Mitglied des Organisationsteams des PM Camps Dornbirn, wo die PM-Camp Bewegung 2011 begann. Dort habe ich zusammen mit einigen Mitstreitern openPM gegründet. Ich bin verheiratet und stolzer Vater zweier kleiner Töchter.

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