Geschichten erzählen statt Stichpunkte aufzählen

Im ach­ten Jahr blog­ge ich nun. Ich schrei­be ger­ne. Schrei­ben hilft mir, mei­ne Gedan­ken auf den Punkt zu brin­gen. Und damit mei­ne ich, wirk­lich auf den Punkt und nicht nur in Stich­punk­te auf eine Folie Power­Point. Gedan­ken so zu for­mu­lie­ren, dass sie den Leser anspre­chen und die Bot­schaft beim Leser ankommt, ist ver­dammt har­te Arbeit, erfor­dert Dis­zi­plin und Kon­zen­tra­ti­on. Bei jedem Arti­kel, jede Woche wie­der. Umso erstaun­li­cher ist es, dass Jeff Bezos Power­Point kom­plett ver­bannt hat und statt­des­sen mit sechs-sei­ti­gen Berich­ten in Erzähl­form besteht, die dann zu Beginn einer Sit­zung in Ruhe (sic!) von allen stu­diert wer­den. Wenn Jeff Bezos und sein Team sich die­se Zeit gönnt in den extrem schnell­le­bi­gen Geschäfts­fel­dern, in denen er mit Ama­zon extrem erfolg­reich ist, darf das gern als Inspi­ra­ti­on für uns alle ver­stan­den wer­den, mehr und bes­se­re Geschich­ten zu erzäh­len anstatt genau­so rast- wie emo­ti­ons­los Stich­punk­te aufzuzählen.

Lan­ge bevor die Men­schen das geschrie­be­ne (ca. 2.000 bis 3.000 v. Chr.) und dann das gedruck­te Wort (und schließ­lich Power­Point …) zum Trans­port von Bot­schaf­ten benut­zen, erzähl­ten sie sich Geschich­ten. Es wird ange­nom­men, dass die Men­schen etwa 35.000 v. Chr. ihre Sprach­fä­hig­keit voll aus­ge­bil­det hat­ten und die ähn­lich alten epi­schen Höh­len­ma­le­rei­en von Las­caux deu­ten dar­auf hin, dass sich die Men­schen damals schon Geschich­ten erzähl­ten. Sämt­li­che Welt­re­li­gio­nen sind voll von Geschich­ten und Gleich­nis­sen. Auch heu­te noch fes­selt eine gute Geschich­te die Men­schen wie wenig ande­res, macht Fil­me zu Block­bus­tern, Bücher zu Best­sel­lern und Schau­spie­ler, Regis­seu­re und Autoren welt­be­rühmt. Eigent­lich nahe­lie­gend, die­se uralte Fas­zi­na­ti­on für gut struk­tu­rier­te Geschich­ten auch für Sit­zun­gen zu nut­zen, wie das Jeff Bezos tut.

We don’t do Power­Point (or any other sli­de-ori­en­ted) pre­sen­ta­ti­ons at Ama­zon. Ins­tead, we wri­te nar­ra­tively struc­tu­red six-page memos. We silent­ly read one at the begin­ning of each mee­ting in a kind of “stu­dy hall.”
Jeff Bezos

Selbst­ver­ständ­lich gibt es auch sehr gute Prä­sen­ta­tio­nen auf Foli­en. Und es soll sogar noch Red­ner geben, die ganz ohne Foli­en fes­seln­de Geschich­ten erzäh­len. Doch dar­um geht es nicht. Die­se Aus­nah­men bestä­ti­gen die lei­der zu bekla­gen­de Regel, dass Power­Point zur Ober­fläch­lich­keit ver­lei­tet. Beim Erstel­ler genau­so wie beim Emp­fän­ger. Power­Point ist das kom­mu­ni­ka­ti­ves Fast-Food: bes­ten­falls zweck­mä­ßig, meis­tens wenig nahr­haft und auf Dau­er schädlich.

Nar­ra­ti­ve ima­gi­ning — sto­ry — is the fun­da­men­tal instru­ment of thought. Ratio­nal capa­ci­ties depend upon it. It is our chief means of loo­king into the future, or pre­dic­ting, of plan­ning, and of explaining.
Mark Tur­ner

Jeder der schon mal län­ge­re Tex­te ver­fasst hat, weiß wie schwie­rig das im Ver­gleich zu ein paar losen Stich­punk­ten ist. Nicht jeder hat dafür das Talent und die Übung und auch bei Ama­zon vari­iert die Qua­li­tät der Memos deut­lich, wie Jeff Bezos selbst in sei­nem letz­ten jähr­li­chen Brief zugibt. Den­noch kann ich gut nach­voll­zie­hen, dass die Vor­be­rei­tung von Sit­zun­gen in Form von mehr­sei­ti­gen struk­tu­rier­ten Tex­ten zu einer deut­lich höhe­ren Qua­li­tät führt. Und das gemein­sa­me Stu­di­um des Memos zu Beginn der Sit­zung ist ein schö­nes Ritu­al und ein acht­sa­mer Moment der Ent­schleu­ni­gung, der dem Erstel­ler des Memos und sei­nem Anlie­gen die nöti­ge Auf­merk­sam­keit zukom­men lässt. Ein sehr wich­ti­ger, wenn nicht sogar der wich­tigs­te Aspekt an die­ser Regel von Jeff Bezos.

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Von Marcus Raitner

Hi, ich bin Marcus. Ich bin der festen Überzeugung, dass Elefanten tanzen können. Daher begleite ich Organisationen auf ihrem Weg zu mehr Agilität. Über die Themen Führung, Digitalisierung, Neue Arbeit, Agilität und vieles mehr schreibe ich seit 2010 in diesem Blog. Mehr über mich.

6 Kommentare

Dum­mer­wei­se muss ich nun fuer jede groes­se­re Anschaf­fung dem Inves­tor und/ oder dem Stee­ring com­mi­tee eine Geschich­te erza­eh­len und dass noch mit net­ten Fotos, Dia­gram­men ‚die sogar ein Schul­ab­bre­cher ver­ste­hen soll­te und dazu das Gan­ze noch mit Begeis­te­rung und schau­spie­le­ri­schen Talent vortragen.
Im bes­ten Fall wird die Ent­schei­dung ver­tagt, meis­tens fehlt irgend­wo eine Kom­ma­stel­le und das Gan­ze darf dann wie­der von vor­ne anfangen

Schö­ner Arti­kel. Ich habe sel­ber kürz­lich das Blog­gen begon­nen und kann es gut ver­ste­hen, denn ich habe sel­ber auch eine unglaub­li­che Freu­de dar­an ent­wi­ckelt, die ich vor­her so nicht ver­mu­tet hätte.
Außer­dem bin ich New­bie in Sachen Agi­li­tät. Inter­es­sie­re mich aber schon län­ger für WOL, New Work und die digi­ta­le Unter­neh­mens­trans­for­ma­ti­on. Ich hof­fe, dass du auch wei­ter­hin span­nen­de Bei­trä­ge zu den The­men schreibst.

Wie immer vie­len Dank für Dei­nen Arti­kel, Marcus!
Aller­dings schwingt für mich hier auch wie­der das klas­si­sche Tool­ba­shing mit: Ist Power­point das Pro­blem? Oder liegt es nicht eher dar­an, daß Mit­ar­bei­ter egal wel­cher Hier­ar­chie­stu­fe nie wirk­lich ler­nen, wie man Vor­trä­ge auf­be­rei­tet, also span­nend präsentiert?
Jemand, der nicht prä­sen­tie­ren kann, wird in Power­point, Pre­zi, Key­note, Sway, Goog­le Sli­des zwangs­läu­fig schlech­te Foli­en und einen schlech­ten Vor­trag abliefern.

Das klas­si­sche „Lern“-Umfeld in Unter­neh­men besteht doch dar­in, den Mit­ar­bei­tern Tools auf den Rech­ner zu wer­fen und dann zu erwar­ten, daß sie auf wun­der­sa­me Wei­se und Dank unend­li­cher intrinsi­scher Moti­va­ti­on groß­ar­ti­ge Ergeb­nis­se abliefern.
„Hier pas­siert ein Wunder“.

Aus mei­ner Erfah­rung ist es kei­ne seriö­se Lösung, Power­point oder digi­ta­le Foli­en oder über­haupt irgend­ein Tool stumpf zu ver­ban­nen. Die sechs­sei­ti­gen Kurz­ge­schich­ten wer­den ohne wei­te­re Anstren­gun­gen wahr­schein­lich genau­so schlecht sein wie es die Vor­trä­ge waren. Wer nicht rei­ten kann, dem hilft es nicht, ihn auf ande­re Pfer­de zu schnallen.

Wäre es nicht bes­ser, man wür­de die Mit­ar­bei­ter gezielt und struk­tu­riert auf die Auf­ga­be „Prä­sen­ta­ti­on vor Publi­kum“ vor­be­rei­ten und ihnen dann die Wahl des Werk­zeugs über­las­sen? Ihnen von Pro­fis zei­gen las­sen, wie man Vor­trä­ge vor­be­rei­tet und sie dann über einen gewis­sen Zeit­raum auch coachen?
Und dabei auch defi­ni­tiv Semi­na­re mit Titeln wie „Bes­ser prä­sen­tie­ren mit Power­point“ zu mei­den. Wie man das Werk­zeug benutzt, fin­den Mit­ar­bei­ter durch­aus selbst her­aus, sobald sie erst­mal wis­sen, wie das gan­ze funktioniert.
Übri­gens genau­so mit Pro­ject: Wenn ich weiß, wes­halb, mit wel­chen Mög­lich­kei­ten und vor allem wel­chen Limi­tie­run­gen ich ein Pro­jekt pla­nen kann, kom­me ich auch mit Pro­ject klar.
Für Excel, Word, SAP und all die ande­ren läuft es genauso:
Wenn ich wirk­lich weiß, was ich mit wel­chem Sinn machen soll, bekom­me ich das in jedem Tool so auf die Rei­he, daß das Ergeb­nis mich und ande­re zufriedenstellt.

Ich selbst habe mich für mei­ne ver­trieb­li­chen und pro­jekt­be­zo­ge­nen Prä­sen­ta­tio­nen einer Art Fort­bil­dungs­pro­gramm unter­wor­fen. Ich habe mir auf Sli­deSha­re einen Hau­fen Foli­en ange­se­hen und ver­sucht her­aus­zu­fin­den, war­um mich Foli­en anspre­chen oder eben nicht und war­um Infor­ma­tio­nen hän­gen blei­ben oder eben nicht. Dazu habe ich Bücher wie Pre­sen­ta­ti­on Zen gele­sen und mei­ne Art, Vor­trä­ge vor­zu­be­rei­ten, dar­an gespiegelt.
Und ich bin mitt­ler­wei­le recht kon­se­quent in der Tren­nung zwi­schen Foli­en und Handout. Ist Doku gewünscht, erstel­le ich ein Handout. Ist kein Vor­trag vor­ge­se­hen, gibt es auch kei­ne Folien.
Die­ser Pro­zeß ist aber nur etwas für Ein­zel­kämp­fer und sicher kein Weg, den ein Unter­neh­men ver­nünf­ti­ger­wei­se von sei­nen Mit­ar­bei­tern ein­for­dern kann, zumin­dest nicht im Allein­gang, ohne Coaching.

Für mich hat das eine erheb­li­che Ver­bes­se­rung mei­ner Prä­sen­ta­tio­nen gebracht, aber eben auch reich­lich Dis­kus­sio­nen um die signi­fi­kant höhe­re Vor­be­rei­tungs­zeit. Die ist bei sau­ber vor­be­rei­te­ten Vor­trä­gen nun mal wesent­lich län­ger als bei schlam­pig zusam­men­ge­klau­ten Folienbrocken.
Aber ob das Gan­ze funk­tio­niert, hat mit Power­point mei­ner Mei­nung nach gar nichts zu tun. 

Eher mit dem Unwil­len der Unter­neh­men, in die Fort­bil­dung der Mit­ar­bei­ter und in die Vor­be­rei­tung auf Mee­tings und Vor­trä­ge zu investieren.

Übri­gens ein (von mei­ner dunk­len Sei­te) ver­mu­te­ter Nebeneffekt:
Wenn ich nur häu­fig genug die Tools wech­se­le, kann ich mich bei Pro­ble­men immer mit der Ach! so schreck­li­chen Umstel­lungs­pha­se her­aus­re­den und muß mich nie ernst­haft damit aus­ein­an­der­set­zen, daß ich mei­ne Mit­ar­bei­ter mit ihren Werk­zeu­gen und Soft­ware­tools im Regen ste­hen lasse.

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