Monate: Mai 2018

Die Säulen nachhaltiger Veränderung: Empathie, Vertrauen und Geduld

Change und Change-Management war gestern. Heute wird transformiert. Eine digitale Transformation für die Geschäftsmodelle, weil Daten das neue Öl sind. Eine agile Transformation für die Organisation und ihre Abläufe, weil Flexibilität und Schnelligkeit gefragt sind in Zeiten von großer Unsicherheit. Leider hat sich oft nur die Bezeichnung geändert und wo groß Transformation drauf steht ist eigentlich ganz klassisches – und sehr tayloristisches – Change-Mangement drin. Darum haben Patentrezepte und Blaupausen gerade Hochkultur: einfach mal LeSS oder SAFe einführen oder Spotify kopieren und fertig ist die agile Transformation. Der Charakter der Transformation als ein natürlicher Entwicklungsprozess eines komplexen Systems wird dadurch ignoriert zu Gunsten eines Musters, das zwar bisher auch nur leidlich funktioniert hat, aber wenigstens bekannt ist und gut steuerbar erscheint: Die Organisation und die Menschen darin einfach umbauen wie so eine komplizierte Maschine. Begleitet freilich von allerlei Change-Theater, denn man muss die Menschen ja irgendwie „mitnehmen“. Eine erfolgreiche Transformation aber, die diesen Namen verdient, basiert auf Visionen statt Blaupausen. Sie wird idealerweise getragen von allen und geführt mit Empathie, Vertrauen und Geduld.

Führen heißt, Fragen stellen statt Antworten geben

Führung heißt, andere erfolgreich machen. So lautet die Führungsphilosophie von Sundar Pichai, dem CEO von Google. Der Gründer der Drogeriemarktkette dm, Götz W. Werner, wird noch konkreter und stellt fest: „Führung ist heute nur noch legitim, wenn sie die Selbstführung der anvertrauten Mitmenschen zum Ziel hat.“ Führung ist also eine gleichwertige Funktion innerhalb und für eine Gruppe von Menschen und immer eine Begegnung zwischen Erwachsenen auf Augenhöhe. Im Gegensatz zum tayloristischen Management, dessen Geist immer noch viel zu sehr durch unsere hierarchischen Organisationen weht, heißt Führen daher in erster Linie (die richtigen) Fragen zu stellen anstatt (die richtigen) Antworten zu geben.

Wo ist hier die Bibliothek?

Wissensarbeit erfordert Konzentration. Dazu gibt es an den Universitäten Bibliotheken in denen konzentriert studiert werden kann. In unseren Unternehmen gibt es solche Zonen für ungestörtes Arbeiten meistens nicht. Dort heißt die Devise Teamwork und und ihr oberster Wert heißt Kommunikation. Das Ergebnis sind Arbeitstage die zu einem Großteil aus geplanten oder ungeplanten Besprechungen bestehen mit Arbeitsblöcken dazwischen die zu kurz sind für irgendeine sinnvolle vertiefte Arbeit und nur zur Beantwortung der während der Besprechungen aufgelaufenen Flut an E-Mails genutzt werden oder am Smartphone mehr oder weniger unterhaltsam vergeudet werden. Das alles in Großraumbüros mit Geräuschpegeln die ohnehin jede Form von konzentrierter Wissensarbeit ad absurdum führen oder nur durch Abschottung durch Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung leidlich zulassen.

Digitale Massengräber des Wissens

Fast ein halbes Jahrhundert ist vergangen seit Ray Tomlinson 1971 die erste E-Mail versandte. Aus einer Technologie für wenige Nerds wurde nach und nach und spätestens seit den 1990er Jahren – man erinnere sich an Boris Becker’s legendäres „Bin ich schon drin?“ im AOL Werbespot 1999 – ein Massenphänomen. Heute empfängt oder verschickt der durchschnittliche Mitarbeiter mehr als 100 E-Mails pro Tag(!). Kein Wunder also, dass viele die E-Mail als Belastung empfinden und sogar große Konzerne wie Atos mittlerweile so weit gehen, interne E-Mails komplett zu verbannen und damit bessere Ergebnisse erzielen. Für einen solchen Ansatz spricht vieles: Die konstante Ablenkung durch E-Mails, ein immer ungünstiger werdendes Signal-Rausch-Verhältnis der damit übermittelten Informationen, aber auch der oft sträflich vernachlässigte Bereich des Wissensmanagements. Und so werden die Postfächer zu digitalen Massengräbern des Wissens.

Führungsaufgabe Fokus – Stop starting, start finishing!

An Chancen und Wahlmöglichkeiten mangelt es uns wirklich nicht. Es gibt immer mehr Ideen als tatsächlich umgesetzt werden können. Dies gilt auf der Ebene des Individuums genauso wie für Teams und Organisationen. Dass unsere Welt sich technologisch getrieben immer schneller dreht und immer volatiler, unsicherer, komplexer und vieldeutiger wird, also immer mehr in Richtung VUCA tendiert, führt zu einer unerhörten Fülle an Chancen und Ideen. Umso wichtiger wird es in dieser Welt, sich zu fokussieren. Führung ist verantwortlich für Fokus. Und Fokus beginnt mit der vergessenen Kunst, Nein zu sagen.