Jahr: 2019

Die agilen Falschmünzer auf dem Weg in die Cargo-Kult-Hölle

Wer Spotify nachmacht oder SAFe einführt oder nachgemachte oder verfälschte agile Frameworks sich verschafft und als best practice in den Verkehr bringt, wird mit sinnlosen kultischen Handlungen nicht unter 20 Stunden pro Woche und Mitarbeiter bestraft. Der Weg in die agilen Cargo-Kult-Hölle ist gut gepflastert mit best practices, Blaupausen und Frameworks und wird gesäumt von Werbeplakaten mit der Aufschrift: „Erfinde das Rad nicht neu!“ Agilität ist aber weniger eine Frage der Methode, sondern eine Frage von Prinzipien und Haltung.

Disziplin jenseits des Gehorsams

Kinder sind großartig. Zuweilen auch eine großartige Herausforderung. Ehrlich gesagt sind unsere beiden Töchter das sogar jeden Tag – mehrfach. Ihren unbändigen Wunsch nach Selbstbestimmung zeigen gerade kleine Kinder völlig ungehemmt. Insbesondere dann wenn wir als Eltern aus guten Gründen oder weil die Zeit drängt über sie bestimmen wollen und Gehorsam fordern. Auf unsere Drohungen und Manipulationsversuche reagieren sie aber umso konsequenter mit Verweigerung je nachdrücklicher wir sie vorbringen. Das ist anstrengend, aber im Kern auch gut so, denn es geht eben nicht um Gehorsam und Unterordnung, sondern Eigenverantwortung und (Selbst-)Disziplin – weder in der Erziehung von Kindern noch in anderen Führungssituationen.

Im Ballsaal der Titanic

So manche agile Transformation endet letztlich damit, dass im Ballsaal der Titanic statt langsamem Walzer jetzt Rock ’n‘ Roll getanzt wird und die Liegestühle an Deck hübscher dekoriert sind. Und selbst wenn es bisweilen zwar wenigstens der Maschinenraum ist, in dem Rock ‘n’ Roll getanzt wird, ändert das doch am Kurs und an der Reaktionsschnelligkeit und Anpassungsfähigkeit wenig.

Der Mensch, das ewig strebende Tier

Die erfolgreiche Zusammenarbeit im Zeitalter der Wissensarbeit, insbesondere in agilen Organisationen mit ihrem hohen Grad an Selbstorganisation und Eigenverantwortung, hängt maßgeblich vom zugrundeliegenden Menschenbild ab. Douglas McGregor forderte bereits 1963 in seinem Buch „The Human Side of Enterprise“, dass wir Menschen nicht länger als faul und arbeitsscheu (Theorie X), sondern als intrinsisch motiviert und leistungsbereit (Theorie Y) betrachten sollten. McGregor stützt sich dabei auf die Vorarbeiten von Abraham Maslow, die in Form der nach ihm benannten Bedürfnispyramide aus der Managementliteratur mittlerweile nicht mehr wegzudenken sind. Diese Darstellung als Pyramide ist aber eine irreführende Interpretation, die gar nicht von Maslow selbst stammt.

Standards setzen in agilen Organisationen

Agilität braucht Orientierung. Erst eine gemeinsame Ausrichtung ermöglicht effektive Autonomie und dezentrale Entscheidungen, wodurch agile Organisationen so anpassungsfähig werden. Agilität braucht aber auch gemeinsame Standards und Konventionen, damit trotz aller Unabhängigkeit die Zusammenarbeit gut gelingt. Die spannende Frage ist also nicht, ob es solche Standards in agilen Organisationen braucht, sondern wie sie sinnvollerweise entstehen und durchgesetzt werden.