Monate: Juli 2019

Lebensweg statt Karrierepfad

Aus drei Jahren agiler Transformation der BMW Group IT habe ich vieles über Veränderungsarbeit gelernt und das in drei Prinzipien zusammengefasst. Ich habe auf dieser Reise aber auch viel über mich selbst gelernt. Ich mag Veränderung. Ich will etwas bewegen und die Welt verbessern. Ich neige zum Idealismus und habe Träume. Ich bin neugierig und offen. Und ich mag keine ausgetretenen Karrierepfade, sondern einen unbestimmten Lebensweg, der erst im Gehen entsteht.

Drei Prinzipien erfolgreicher Transformation

Aus drei Jahren intensiver Transformationsarbeit in der BMW Group IT nehme ich drei wesentliche Erfolgsfaktoren mit. Die Transformation beginnt erstens immer mit dem Wozu und der Weg dorthin, also das Wie und Was, ist anfangs notwendigerweise unklar. Führung versucht bewusst nicht, darauf schnell die richtigen Antworten zu geben sondern stellt zweitens einen Rahmen bereit, in dem die Mitarbeiter als erwachsene und kluge Menschen, diese Antworten gemeinsam finden. Und Führung ist drittens Teil der Veränderung und stellt sich selbst in Frage.

Unboss statt Egomanen an der Spitze

Zeiten der Veränderung sind Zeiten der Verunsicherung. Ein Reaktionsmuster auf diese Verunsicherung ist der Ruf nach Helden und starken Führern, die Ordnung ins Chaos bringen und den Weg weisen. Auf gesellschaftlicher und politischer Ebene erleben wir deshalb ein Erstarken von nationalistischen Tendenzen und zunehmende Popularität von Politikern, deren Beitrag im Wesentlichen darin besteht, die Komplexität der Welt unzulässig zu vereinfachen durch Einteilung in schwarz und weiß, gut und falsch, wir und die und andere falsche Dichotomien. In Zeiten digitaler Disruption wächst auch in Unternehmen die Angst. Und während man sich vielerorts dann eben den starken Führer herbeiwünscht, machen wirklich starke Führungspersönlichkeiten wie Vas Narasimhan bei Novartis das Gegenteil: „Unboss your Company!“

Komplex oder kompliziert?

Der naive und intuitive Sprachgebrauch vermischt und überlagert zuweilen, was besser sauber unterschieden werden sollte. Beliebt bei Lektoren sind da beispielsweise die Begriffe anscheinend und scheinbar. Ersterer bedeutet, dass etwas allem Anschein nach auch so ist, während mit scheinbar zum Ausdruck gebracht wird, dass etwas nur so zu sein scheint, aber in Wirklichkeit anders ist. Scheinbar (sic!) genauso spitzfindig ist die Unterscheidung zwischen den Begriffen kompliziert und komplex. In der Praxis werden sie oft synonym verwendet oder allenfalls wird komplex als Steigerung für kompliziert benutzt. Die Unterscheidung dieser beiden Begriffe macht aber einen entscheidenen Unterschied.

Wer A sagt muss auch B sagen und andere falsche Dichotomien

Der Begriff Dichotomie geht auf das griechische dichotomía (διχοτομία) zurück und bedeutet Zweiteilung. Eine falsche Dichotomie ist die Suggestion, dass es zu einer Streitfrage nur zwei sich gegenseitig ausschließende Alternativen gäbe, obwohl tatsächlich weitere vorhanden sind oder sich die beiden angebotenen Alternativen gar nicht widersprechen oder ausschließen. Beliebt ist dieser rhetorische Trick bei Verkäufern etwa in Form der Frage, ob man lieber das blaue oder das weiße Hemd kaufen möchte, was die dritte Alternative, nämlich keines der beiden zu kaufen, ganz bewusst unterschlägt. Und auch ich verwende das Muster gelegentlich, um meinen Töchtern die Kleiderwahl zu „erleichtern“, was sie natürlich meist durchschauen.