Von Pfadfindern und Kaffeeküchenbeauftragten

Personifizierte Verantwortung in Form eines „single wringable neck“ ist das Mittel der Wahl, wenn es darum geht, das Miteinander in Organisationen verlässlich zu gestalten. Mit jeder solchen Rolle wächst aber das Maß an organisierter Verantwortungslosigkeit.

In jeder Gemeinschaft gibt es Aufgaben, die erledigt werden müssen. Es liegt in der Natur der Sache, dass es dabei auch Aufgaben gibt, um die sich niemand reißt. Der beklagenswerte Zustand gemeinsam genutzter Kaffeeküchen ist da nur ein Beispiel von vielen im täglichen Miteinander. Mit dem Prinzip der Pfadfinder, nämlich die Welt immer sauberer zu hinterlassen, als man sie vorgefunden hat, ist es im Alltag leider meist nicht weit her.

Try and leave this world a little better than you found it.

Robert Stephenson Smyth Baden-Powell

Was in der Kaffeeküche offensichtlich ist, ist in der Arbeit von Teams nicht immer so leicht zu erkennen. Dennoch ist es dort auch in der Regel so, dass das Team gemeinsam Verantwortung für die Ergebnisse trägt und es dabei immer auch weniger gern übernommene Tätigkeiten gibt. Und da Team bekanntlich die Abkürzung ist für „Toll ein anderer macht’s“ wird um diese dann ein weiter Bogen gemacht. Bis die Vernachlässigung zum Problem wird, weil sich beispielsweise niemand im DevOps-Team um die Security gekümmert hat und nun alles löchrig ist wie ein Schweizer Käse. Oder weil die Aspekte des stabilen Betriebs vernachlässigt wurden und das IT-System nun entsprechend instabil läuft und lange ausfällt.

So weit, so bekannt. Und auch die klassische Reaktion ist hinreichend bekannt: Klare und vor allem personifizierte Verantwortung muss her. Das ist die Geburtsstunde des Kaffeeküchenbeauftragten, der fortan für den Zustand der Spülmaschinen in seinem Verantwortungsbereich zur Rechenschaft gezogen wird. Entsprechendes gilt für den Beauftragten für IT-Sicherheit im Team und natürlich für den Betriebsverantwortlichen und viele andere mehr, die auf diesem Pfad in die organisierte Verantwortungslosigkeit folgen.

Weil sich keiner kümmert, bestimmt man einen Verantwortlichen, einen „single wringable neck“, der sich unter Androhung von Konsequenzen darum kümmern muss. Wieder einmal, so scheint es, hat sich also das negative Menschenbild der Theorie X bestätigt: der Mensch ist unwillig und muss an die Hand genommen werden, damit nicht alles im Chaos versinkt.

Verantwortung zu tragen, das wurde uns nicht gepredigt, das ergab sich einfach in der Gemeinschaft.

Marion Gräfin Dönhoff

Natürlich braucht es Transparenz, wer welche Aufgaben übernimmt. Gute Teams schaffen diese Aufteilung aber selbstorganisiert und passen sie je nach Bedarf und Kompetenzen immer wieder an. Das setzt allerdings eine große Reife des Teams und der Menschen voraus. Und es braucht ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, der Verantwortung für eine gemeinsame Mission und insbesondere der psychologischen Sicherheit. Als Mitglied der Gemeinschaft muss ich mich darauf verlassen können, dass alle Sorge für das Ganze und für den anderen tragen. Erst mit der Sicherheit, dass alle anderen dasselbe für mich oder für die gemeinsame Sache machen würden, bin ich bereit mich über meine egoistischen Belange hinweg für das Wir einzusetzen.

Mit dem negativem Menschenbild der Theorie X als Basis entfernt man sich aber mit jeder personifizierten Verantwortung einen Schritt mehr von diesem Ideal. Aus dem Kaffeeküchenbeauftragten wird niemals ein Pfadfinder. Ganz im Gegenteil. Er wird sich ganz egoistisch um genau das kümmern, wofür er verantwortlich gemacht wird. Und wenn in der Toilette daneben Papier auf dem Boden liegt, wird ihm das egal sein. Und dann braucht es natürlich noch den Toilettenbeauftragten und so nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Solange man Helden oder Schuldige braucht, um eine Situation plausibel zu erklären, hat man sie noch nicht verstanden.

Gerhard Wohland

Anstatt also diese organisierte Verantwortungslosigkeit mit immer weiter verfeinerten klar abgegrenzten Rollen mit personifizierter Verantwortung auf die Spitze zu treiben, muss an der Wurzel des Problems angesetzt werden: Bei der zunehmenden Individualisierung, dem dadurch fehlenden Gefühl der Zusammengehörigkeit, dem Fehlen einer gemeinsam getragenen Mission und nicht zuletzt der mangelnden psychologischen Sicherheit, ohne die aus Einzelkämpfern kein Team wird.

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2 Kommentare

Danke Dir für diese Annäherung an die #EgoBarriere, Marcus.

In manchen Konzern-Kontexten heißt das auch „den Vorgarten sauber halten“.
Die Betroffenen formulieren auch gern „Ich habe mir nichts zu schulden kommen lassen.“ Oder der germanische Klassiker: „dafür bin ich nicht zuständig“.
Hier eine internationale Auswahl:
https://duckduckgo.com/?t=ffab&q=not+my+job&iax=images&ia=images

Auch hoch im Kurs: „Highlander-Prinzip – es kann nur einen geben.“ Das ist sehr weit verbreitet bei MINT-sozialisierten … da gibt es nur richtig und falsch, 0 und 1.

Am Ende ist dann „alles“ furchtbar kompliziert, obwohl es aufgrund seiner Komplexität eigentlich ganz leicht sein könnte.
> „Jeder trage des anderen Last.“

Die personalisierte Verantwortung ist die Kehrseite des individuellen Bonus.

dividere (lat.) – teilen
„dividere et impere!“ ist das über allem stehende Prinzip des „naturwissenschaftlichen“ Vorgehens. Zerlege das Problem in seine Teile …

Natur selbst geht anders vor – passe solange an, bis kein Bedarf mehr besteht … inspect & adapt.

Weiterhin viel Erfolg!

*gähn* Altbekannte Kamellen.
Einfach die Sauberkeit der Kaffeküche in das Ziele-Portfolio des entsprechendem Mitarbeits aufnehmen. Problem gelöst

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