Cynefin und Corona

Das SARS-CoV‑2 Virus ist zwar kein will­kom­me­ner, aber doch ein guter Anlass, um über den Umgang mit Kom­ple­xi­tät und kom­ple­xen bis chao­ti­schen Ent­schei­dungs­si­tua­tio­nen nach­zu­den­ken. Einen sehr hilf­rei­chen Rah­men dafür bie­tet das Cyne­fin-Frame­work von David Snowden.

Cyne­fin (aus­ge­spro­chen kuh-NEV-in) ist ein „wali­si­sches Wort, das übli­cher­wei­se im Deut­schen mit ‚Lebens­raum‘ oder ‚Platz‘ über­setzt wird, obwohl die­se Über­set­zung nicht sei­ne vol­le Bedeu­tung ver­mit­teln kann. Eine voll­stän­di­ge Über­set­zung des Wor­tes wür­de aus­sa­gen, dass wir alle meh­re­re Ver­gan­gen­hei­ten haben, derer wir nur teil­wei­se bewusst sein kön­nen: kul­tu­rel­le, reli­giö­se, geo­gra­phi­sche, stam­mes­ge­schicht­li­che usw.“ (Wiki­pe­dia)

Sketchnote des Cynefin-Frameworks
Cyne­fin Frame­work (Source: Edwin Stoop (User:Marillion!!62) / CC BY-SA)

Die fünf Domänen des Cynefin-Frameworks

Im wesent­li­chen sagt das Cyne­fin-Frame­work aus, dass Situa­tio­nen oder Kon­tex­te von sehr ver­schie­de­ner Natur sein kön­nen und des­halb ganz unter­schied­li­che Her­an­ge­hens­wei­sen not­wen­dig machen. David Snow­den unter­schei­det dazu fünf Domä­nen: Ein­fach (simp­le) bzw. offen­sicht­lich (obvious), kom­pli­ziert (com­pli­ca­ted), kom­plex (com­plex), chao­tisch (chao­tic) und die Unord­nung (dis­or­der).

Für ein­fa­che oder offen­sicht­li­che Situa­tio­nen gibt es Check­lis­ten, Pro­zes­se und erprob­te Patent­re­zep­te. Hier geht es eigent­lich nur dar­um, die Situa­ti­on zu erfas­sen (sen­se), in die rich­ti­ge Schub­la­de zu grei­fen und mit der ent­spre­chen­den Lösung zu reagie­ren. Wenn im Auto bei­spiels­wei­se eine Warn­lam­pe leuch­tet, fin­det sich im Hand­buch in der Regel eine Anwei­sung, was zu tun ist und wie es zu tun ist (etwa Öl nachfüllen).

Kom­pli­ziert wird es dann, wenn das Hand­buch kei­nen Rat mehr bie­tet. Wenn man also das Öl im Motor über­prüft und nach­ge­füllt hat und die Warn­lam­pe immer noch leuch­tet. Weil es dafür kein beschrie­be­nes Patent­re­zept mehr gibt, fährt man zu einem Exper­ten in die Werk­statt. Mit genü­gend Wis­sen und Erfah­rung kann der Exper­te das Pro­blem ana­ly­sie­ren und aus ver­schie­de­nen Hand­lungs­op­tio­nen die viel­ver­spre­chends­te wählen.

To mana­ge a sys­tem effec­tively, you might focus on the inter­ac­tions of the parts rather than their beha­vi­or taken separately.

Rus­sel Ackoff

Etwas Kom­pli­zier­tes lässt sich von Exper­ten zer­le­gen und kann über sei­ne Kom­po­nen­ten ver­stan­den wer­den. Das Gan­ze ist die Sum­me sei­ner Tei­le. Für kom­ple­xe Situa­tio­nen gilt genau das nicht mehr. Unser Gehirn ist ein kom­pli­zier­tes Geflecht aus Neu­ro­nen und die bio­che­mi­schen Vor­gän­ge dar­in las­sen sich durch­aus von Exper­ten ver­ste­hen. Was in die­sem Geflecht aber von mir gedacht wird, kann nicht über Ana­ly­se der Kom­po­nen­ten vor­her­ge­sagt wer­den. Kom­ple­xe Sys­te­me sind stets mehr als die Sum­me der Tei­le, sie sind das Pro­dukt der Inter­ak­tio­nen. Ursa­che-Wir­kungs-Bezie­hun­gen kön­nen in kom­ple­xen Sys­te­men und Situa­tio­nen des­halb nicht durch Zer­le­gung und Ana­ly­se erforscht wer­den, son­dern müs­sen empi­risch erforscht wer­den, um sie sich dadurch zu erschlie­ßen (und so wenigs­tens teil­wei­se in den kom­pli­zier­ten Bereich zu verlagern).

Eine chao­ti­sche Situa­ti­on schließ­lich ist dadurch gekenn­zeich­net, dass es kei­ne erkenn­ba­re Ursa­che-Wir­kungs-Bezie­hung gibt und den­noch oft unter extre­men Zeit­druck gehan­delt wer­den muss. Der Ter­ror­an­schlag auf das World-Tra­de-Cen­ter am 11. Sep­tem­ber 2001 war bei­spiels­wei­se eine sol­che Situa­ti­on. In einer sol­chen Situa­ti­on geht es zunächst immer dar­um, wie­der Ord­nung und Sta­bi­li­tät her­zu­stel­len und sie so Schritt für Schritt in eine kom­ple­xe Situa­ti­on zu transformieren.

In all cha­os the­re is a cos­mos, in all dis­or­der a secret order.

Carl Jung

Und wenn gar nicht klar ist, wel­che der vier genann­ten Domä­nen im Moment über­wiegt, nennt David Snow­den das Unord­nung (dis­or­der). Als ers­tes geht es in einer sol­chen Situa­ti­on dar­um, wenigs­tens für ein­zel­ne Aus­schnit­te davon die rich­ti­ge Domä­ne (ein­fach, kom­pli­ziert, kom­plex oder chao­tisch) zu bestim­men und ent­spre­chend zu handeln.

Einordnung der Corona-Pandemie

In wel­cher Domä­ne des Cyne­fin-Frame­works befin­den wir uns also im Moment ange­sichts der SARS-CoV‑2 Coro­na­vi­rus-Pan­de­mie? Die Situa­ti­on ist sicher­lich alles ande­re als ein­fach oder offen­sicht­lich und sie ist auch nicht kom­pli­ziert, weil Ursa­che-Wir­kungs-Bezie­hun­gen auch den Exper­ten viel­fach noch unklar sind. Wir bewe­gen uns also irgend­wo zwi­schen kom­plex und chao­tisch oder bes­ser gesagt auf dem Weg von chao­tisch zurück zu komplex.

Die ers­ten Reak­tio­nen in den meis­ten Län­dern war die sehr abrup­te Ein­schrän­kung des öffent­li­chen Lebens bis hin zum kom­plet­ten Lock­down. Die­se Maß­nah­men haben zunächst gehol­fen, das Cha­os zu redu­zie­ren und mehr Sta­bi­li­tät her­zu­stel­len. Anschlie­ßend muss es – nun in der kom­ple­xen Domä­ne ange­kom­men – dar­um gehen, Wirk­zu­sam­men­hän­ge bes­ser zu ver­ste­hen durch empi­ri­sche Erfor­schung. Was behin­dert oder för­dert die Ver­brei­tung des Virus in der Gesell­schaft? Wel­che Maß­nah­men wir­ken und wel­che sind eher wirkungslos?

Damit dies mög­lichst gut und schnell gelingt, braucht es Diver­si­tät und Dis­sens. Ver­schie­den­ar­ti­ge Her­an­ge­hens­wei­sen und Maß­nah­men in den ein­zel­nen Län­dern, Bun­des­län­dern oder sogar Städ­ten sind kein Feh­ler, son­dern eine gute Mög­lich­keit gemein­sam schnel­ler zu ler­nen. Das setzt aber zwei­er­lei vor­aus. Einer­seits, müs­sen wir die­se Unter­schied­lich­keit in der Varia­ti­on der Maß­nah­men in gewis­sem Rah­men zulas­sen und aner­ken­nen und ande­rer­seits brau­chen wir aber einen mög­lichst ein­heit­li­chen Maß­stab, wie die Wir­kung davon bewer­tet wer­den soll und ver­gli­chen wer­den kann.

In mei­ner Wahr­neh­mung haben wir der­zeit Defi­zi­te in bei­der­lei Hin­sicht. Zum einen ver­stri­cken sich Exper­ten und Lai­en ange­sichts der Unter­schied­lich­keit in ver­bis­se­ne Kämp­fe über die ein­zig rich­ti­gen Maß­nah­men und war­um die ande­ren Maß­nah­men ten­den­zi­ell Leben gefähr­den und des­halb ver­ant­wor­tungs­los sind. Zum ande­ren ver­än­dern sich aber auch die Ziel­grö­ßen stän­dig. Am Anfang war die Ver­dopp­lungs­zeit der Fall­zah­len viel beach­tet, dann die Todes­fäl­le, dann die Anzahl der frei­en Bet­ten in Inten­siv­sta­tio­nen (die frei­lich erst müh­sam erfasst wer­den muss­ten) und jetzt ist es der Repro­duk­ti­ons­zahl R, der unbe­dingt deut­lich unter 1 gedrückt wer­den muss. 

Hilf­reich wäre es in die­ser Pha­se also ins­be­son­de­re, die wesent­li­chen Ziel­grö­ßen nach­voll­zieh­bar fest­zu­le­gen und dafür zu sor­gen, dass sie mit dem kleinst­mög­li­chen zeit­li­chen Ver­zug in der best­mög­li­chen Qua­li­tät kon­ti­nu­ier­lich erfasst wer­den und allen trans­pa­rent sind. Hier haben wir in Deutsch­land lei­der noch erheb­li­che Nach­hol­be­dar­fe in punk­to Digi­ta­li­sie­rung (Fax!), was uns nun schmerz­lich trifft, weil die Feed­back­zy­klen sich dadurch erheb­lich verlängern.

Teile diesen Beitrag

Von Marcus Raitner

Hi, ich bin Marcus. Ich bin der festen Überzeugung, dass Elefanten tanzen können. Daher begleite ich Organisationen auf ihrem Weg zu mehr Agilität. Über die Themen Führung, Digitalisierung, Neue Arbeit, Agilität und vieles mehr schreibe ich seit 2010 in diesem Blog. Mehr über mich.

Schreibe einen Kommentar