Eigenverantwortung statt Gehorsam

Einsame Weihnachten? Wie redet Markus Söder eigentlich mit uns? Ich habe es satt wie ein Kind ermahnt, bedroht und gelegentlich auch gelobt zu werden. Mit dieser fortwährenden Infantilisierung mündiger Bürger untergräbt die Regierung die Selbstorganisation und Eigenverantwortung, die wir für eine nachhaltige Eindämmung der Pandemie aber dringend bräuchten.

Wenn mei­ne Kin­der acht­los auf eine befah­re­ne Stra­ße lau­fen, hal­te ich sie natür­lich zurück. Bei unmit­tel­ba­rer Gefahr ist die­ser mas­si­ve Ein­griff in ihre Frei­heit gerecht­fer­tigt. Kurz­fris­tig jeden­falls. Lang­fris­tig wer­de ich aber nicht immer und an jeder Stra­ße neben ihnen ste­hen kön­nen und brau­che daher eine Stra­te­gie, die auf Ver­ständ­nis von Zusam­men­hän­gen und Eigen­ver­ant­wor­tung basiert. Ähn­li­ches gilt für über­mä­ßi­gem Kon­sum von Zucker, wo Ver­bo­te auch nur in den ers­ten Jah­ren hel­fen bis die Kin­der die kogni­ti­ve Rei­fe für das nöti­ge Ver­ständ­nis der Zusam­men­hän­ge haben und selbst Ver­ant­wor­tung für ihre Ernäh­rung über­neh­men können.

Dis­zi­plin erhält man durch Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und Eigen­ver­ant­wor­tung, durch Dis­zi­pli­nie­rung bekommt man nur Gehorsam.

Gerald Hüt­her

Bei Ver­än­de­rungs­pro­zes­sen in der Gesell­schaft und in Orga­ni­sa­tio­nen ist das genau­so: Erst auf Basis von Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und Eigen­ver­ant­wor­tung (und dem authen­ti­schen Vor­bild von Füh­rung) ent­steht nach­hal­ti­ge, weil von Sinn gelei­te­te Ver­än­de­rung von Ver­hal­ten. Genau das bräuch­ten wir jetzt zur Ein­däm­mung der Coro­na-Pan­de­mie in Deutsch­land. Tat­säch­lich erle­ben wir aber immer noch eine Bun­des­kanz­le­rin und Minis­ter­prä­si­den­ten, die wie besorg­te Eltern reflex­haft ihre Kin­der ob der dro­hen­den Gefahr wie­der von der befah­re­nen Stra­ße zurückziehen.

Was im Früh­jahr noch ange­mes­sen war, nutzt sich auf Dau­er aber sehr schnell ab. Irgend­wann hören die Kin­der ein­fach nicht mehr hin, wenn sie dau­ernd ange­schrien wer­den. Und ganz sicher för­dern die­se mas­si­ven Ein­grif­fe nicht die Eigen­ver­ant­wor­tung, son­dern unter­bin­den im Gegen­teil das eige­ne Den­ken. Die da oben wer­den es schon wis­sen. Die Zeit der Appel­le und Gebo­te ist seit dem Früh­jahr vor­bei und über den Som­mer wur­de es ver­säumt, auf eine lang­fris­ti­ge Stra­te­gie auf Basis der Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und Eigen­ver­ant­wor­tung mün­di­ger Bür­ger (Aus­nah­men bestä­ti­gen auch hier nur die Regel) umzuschwenken. 

Nur wenn ein Mensch Sinn in dem erkennt, was er machen soll, kann er hin­rei­chen­de Selbst­dis­zi­plin entwickeln.

Gerald Hüt­her

Die Men­schen wol­len nicht län­ger wie unar­ti­ge Kin­der behan­delt wer­den. Ich habe es satt von unse­rer Regie­rung, ermahnt, bedroht und gele­gent­lich auch gelobt zu wer­den. Die Situa­ti­on ist äußerst kom­plex im eigent­li­chen Sinn des Wor­tes, viel kom­ple­xer als das Über­que­ren einer Stra­ße jeden­falls. Wir alle, auch die Regie­rung und die Wis­sen­schaft, haben mehr Fra­gen als Ant­wor­ten. Und dort wo es Ant­wor­ten gibt, sind sie oft nicht ein­deu­tig und wider­sprüch­lich. Ein Bei­spiel von vie­len: Spielt ein ein­fa­cher Mund-Nasen-Schutz eine wesent­li­che Rol­le bei der Ein­däm­mung? Oder scha­det das lan­ge oder fal­sche Tra­gen unge­eig­ne­ter Mas­ken viel­leicht sogar? Die For­schung ist unüber­sicht­lich und das ist voll­kom­men nor­mal so (vgl. dazu den im August in The Lan­cet erschie­nen Über­sichts­ar­ti­kel).

Die Kom­ple­xi­tät der Pan­de­mie ist inhä­rent und geht nicht weg. Da hilft es auch nicht, wenn Mar­kus Söder gern den erfah­re­nen Kapi­tän und har­ten Kri­sen­ma­na­ger mimt. Im Gegen­teil, die­ser bes­ser­wis­se­ri­sche, gön­ner­haf­te und bis­wei­len arro­gan­te Ges­tus des ober­leh­rer­haf­ten Ret­ters unter­gräbt genau die Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und Eigen­ver­ant­wor­tung, die wir für eine nach­hal­ti­ge Ein­däm­mung eigent­lich bräuch­ten. Am Ende kann die Regie­rung näm­lich nicht neben jeden der 80 Mil­lio­nen Deut­schen ste­hen und sie vor sich selbst „beschüt­zen“ (auch wenn die Vor­stel­lung dem einen oder ande­ren Innen­mi­nis­ter durch­aus gefal­len dürfte). 

Die Ein­däm­mung der Pan­de­mie ist ein Mara­thon und kein Sprint – auch nicht zwei oder drei Sprints. Das Ziel lau­tet daher nicht Gehor­sam, son­dern Eigen­ver­ant­wor­tung. Den unar­ti­gen Bür­gern per­ma­nent die stei­gen­den Fall­zah­len vor­zu­hal­ten und mit einem erneu­ten Her­un­ter­fah­ren des öffent­li­chen Lebens zu dro­hen, wenn sie wei­ter stei­gen soll­ten, oder gar mit „ein­sa­men Weih­nach­ten“, wie Mar­kus Söder es mit erho­be­nem Zei­ge­fin­ger for­mu­lier­te, hilft dafür aber ganz und gar nicht, son­dern erzeugt haupt­säch­lich Angst, Miss­mut und Widerstand.

Kin­der sind in die­sem Punkt genau wie Erwach­se­ne: Wir wol­len, wenn irgend mög­lich, gern koope­rie­ren, aber wir haben es nicht gern, wenn wir durch Mani­pu­la­ti­on dazu gebracht werden.

Jesper Juul

Ein wenig mehr Demut ange­sichts der Kom­ple­xi­tät der Lage einer­seits und Respekt vor dem mün­di­gen und in den meis­ten Fäl­len sehr umsich­ti­gen Bür­gern ande­rer­seits stün­de unse­rer Regie­rung gut zu Gesicht. Ehr­li­cher und kraft­vol­ler wäre nach der Som­mer­pau­se das Ein­ge­ständ­nis gewe­sen, dass die Lage kom­plex und viel­deu­tig ist und auch die Regie­rung und ihre Bera­ter die Ursa­chen für den Anstieg der Fall­zah­len nicht genau ken­nen. Das Ver­hal­ten der Bür­ger wäre dann nur noch ein Fak­tor, ein wie jedes Jahr sai­so­nal anstei­gen­de Infek­te der Atem­we­ge ein ande­rer. Und natür­lich hät­te man dann auch selbst­kri­tisch hin­ter­fra­gen kön­nen, ob wir über­haupt das Rich­ti­ge in der rich­ti­gen Wei­se mes­sen und die rich­ti­gen Kenn­zah­len betrachten.

Anstatt ein­fach dem Bür­ger und sei­nem Fehl­ver­hal­ten die allei­ni­ge Schuld für die gestie­ge­nen Zah­len zuzu­schrei­ben, hät­te man dann eben auch vor der eige­nen Türe keh­ren kön­nen und deutsch­land­weit stan­dar­di­sie­ren kön­nen, unter wel­chen Umstän­den genau (Test­stra­te­gie), wel­cher Test auf wel­che Wei­se genau (wel­ches Gen oder wel­che Gene) mit wel­cher Zyklen­zahl anzu­wen­den ist (vgl. dazu die­sen aus­führ­li­chen Arti­kel oder die­sen der New York Times). Und man hät­te sich aus­sa­ge­kräf­ti­ge­re Kenn­zah­len als die ein­fa­che 7‑Ta­ges-Inzi­denz über­le­gen kön­nen (wie dies zuletzt von vie­len Ärz­te­ver­bän­den und Wis­sen­schaft­lern in einem Posi­ti­ons­pa­pier gefor­dert wurde). 

In einem sol­chen Gesamt­pa­ket wäre ein Her­un­ter­fah­ren des öffent­li­chen Lebens dann ein Teil einer gemein­sa­men Anstren­gung und lang­fris­ti­gen Stra­te­gie und hät­te nicht den faden Bei­geschmack der Maß­re­ge­lung. Mit einer etwas demü­ti­ge­ren Hal­tung könn­te man zudem den vie­len abstru­sen Ver­schwö­rungs­theo­rien ganz leicht dadurch das Was­ser abgra­ben, dass man ande­re Inter­pre­ta­tio­nen der Situa­ti­on und der Zah­len – die ange­sichts der Kom­ple­xi­tät völ­lig nor­mal sind – nicht bes­ser­wis­se­risch bei­sei­te wischt oder ein­fach igno­riert, son­dern kon­struk­tiv in die­se Stra­te­gie integriert.

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18 Kommentare

Roland Duerre 2. November 2020 Antworten

Prä­zi­se! Ein Volk wur­de ent­mün­digt. Lust­voll wür­de Lust­feind­lich­keit gran­di­os prak­ti­ziert. Das Kri­sen- und Pro­jekt­ma­nage­ment dage­gen war stümperhaft.

Marcus Raitner 2. November 2020 Antworten

Das beschreibt die Lage ganz gut, lie­ber Roland.

Bernhard Gößwein 2. November 2020 Antworten

Dei­ne The­sen pas­sen sehr gut für Teams mit gemein­sa­men Wer­ten und Zie­len. Du, ich und vie­le ande­re tei­len ähn­li­che Wer­te. Wir sehen in der Bewäl­ti­gung der Kri­se ein gemein­sa­mes Ziel. Und wir gehen sehr ver­ant­wor­tungs­voll mit uns und unse­ren Mit­men­schen um. Mir fehlt in Dei­nen Aus­füh­run­gen noch ein Vor­schlag, wie wir als (sehr gro­ßes) Team mit den Men­schen umge­hen sol­len, die immer noch kei­nen Abstand hal­ten, die immer noch nicht ver­stan­den haben, dass ein Mund-NASEN-Schutz erfor­der­lich ist und die sich bis zum Ein­set­zen der mas­si­ven Ein­schrän­kun­gen in dich­ten Trau­ben vor Ski­lif­ten gedrängt haben. Sie gefähr­den nicht nur sich, son­dern sehr vie­le ande­re Men­schen. Und es scheint ihnen egal zu sein. Wie wür­de ein erfah­re­ner Scrum Mas­ter mit Team­mit­glie­dern reden, die sich wie­der­holt so verhalten?

Marcus Raitner 2. November 2020 Antworten

Ich zitie­re an der Stel­le Tai­chii Ohno, bzw. die Geschich­te die Yoshi­hi­to Wakamatsu, der vie­le Jah­re direkt unter Taiichi Ohno arbei­te­te, beschrieb: Bei einem Besuch in einem Werk von Toyo­ta wur­de Ohno von einem ande­ren Mana­ger beglei­tet. Die­sem fie­len dort offen­sicht­li­che Feh­ler in der Umset­zung des Toyo­ta-Pro­duk­ti­ons­sys­tems auf und so frag­te er Ohno, war­um die­ser nicht sofort kor­ri­gie­ren ein­ge­grif­fen hät­te. Die Ant­wort war: 

I am being pati­ent. I can­not use my aut­ho­ri­ty to for­ce them to do what I want them to do. It would not lead to good qua­li­ty pro­ducts. What we must do is to per­sist­ent­ly seek under­stan­ding from the shop floor workers by per­sua­ding them of the true vir­tu­es of the Toyo­ta Sys­tem. After all, manu­fac­tu­ring is essen­ti­al­ly a human deve­lo­p­ment that depends hea­vi­ly on how we teach our workers.

Wenn wir sol­che Abwei­chun­gen bemer­ken, sind das nur Sym­pto­me eines tie­fer­lie­gen­den Miss­ver­ständ­nis­ses bzw. Unver­ständ­nis­ses. Da müs­sen wir ran. Und so wie der­zeit agiert und kom­mu­ni­ziert wird, kom­men wir da aber nicht ran. Im Gegen­teil: Sobald der Zwang weg­fällt, geht die Par­ty weiter.

Rainer 2. November 2020 Antworten

Lie­ber Marcus,

Vie­len Dank für die­se fun­dier­te Positionierung.
Ich stim­me in allen wesent­li­chen Punk­ten zu.
Aber auch klar ist, dass das The­ma dazu ver­lei­tet, auf allen Ebe­nen dis­ku­tiert zu wer­den. Ich den­ke, das war dir klar :-).

Ich emp­feh­le dazu aber, sich wirk­lich wirk­lich auf die Suche nach fun­dier­tem Wis­sen zu bege­ben. Sprich in den Roh­in­for­ma­tio­nen von Her­stel­lern, Labo­ren und Kran­ken­häu­sern, ger­ne auch RKI zu recherchieren:
Kann ein PCR-Test eine Infektion/ Erkran­kung dia­gnos­ti­zie­ren bzw. was genau weist ein PCR-Test nach und was nicht?
Wel­che Feh­ler­quo­te hat ein (aktu­ell nicht unter For­schungs­be­din­gun­gen mas­sen­haft durch­ge­führ­ter) PCR-Test?
Wie sieht eine sau­be­re, fun­dier­te Sta­tis­tik aus, um die Leta­li­tät eines Virus zu berech­nen und wie wird sie gera­de berech­net? Wie ist sie im Ver­gleich zur übli­chen Influ­en­za etc?
Haben wir in 2020 eine Situa­ti­on gehabt oder droht uns Eine, in der das Gesund­heits­sys­tem auch nbur in die Nähe sei­ner Gren­zen kommt? 

Auch hier tut sich die gan­ze Kom­ple­xi­tät der Rea­li­tät auf. Mit jedem, der mit fun­dier­ten ZDF’s kommt, stei­ge ich ger­ne tie­fer ein.

Viel Grü­ße
Rainer

Marcus Raitner 2. November 2020 Antworten

Lie­ber Rai­ner, dan­ke für dei­ne Zustim­mung und dei­ne sehr guten Fra­gen. Genau die trei­ben mich auch um. Und ich ver­mis­se Ant­wor­ten dar­auf. Hast du gute Links für den Einstieg?

Titus von Unhold 6. November 2020 Antworten

Der PCR-Test ist abso­lut genau. Es wer­den zwar gele­gent­lich Feh­ler bei der Ent­nah­me oder im Labor gemacht, aber das ist ange­sichts von aber­mil­lio­nen Tes­tun­gen nicht relevant.

https://www.volksverpetzer.de/corona-faktencheck/pcr-tests-genau/

Marcus Raitner 6. November 2020 Antworten

Es ging mir weni­ger um den Test als sol­chen, son­dern um die Aus­sa­ge­kraft durch die Art und Wei­se wie er ein­ge­setzt wird.

Oliver Schmitt 3. November 2020 Antworten

Sehr gut zusam­men­ge­fasst, Marcus.
Man hört heut­zu­ta­ge viel zu wenig kon­struk­ti­ves über die Meta-Ebe­ne und zu viel Schar­müt­zel über „fal­sche“ Zahlen.

Marcus Raitner 3. November 2020 Antworten

Vie­len Dank, Oli­ver. Geht mir ähnlich.

Titus von Unhold 6. November 2020 Antworten

Die Zeit der Appel­le und Gebo­te ist seit dem Früh­jahr vor­bei und über den Som­mer wur­de es ver­säumt, auf eine lang­fris­ti­ge Stra­te­gie auf Basis der Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und Eigen­ver­ant­wor­tung mün­di­ger Bür­ger (Aus­nah­men bestä­ti­gen auch hier nur die Regel) umzuschwenken. “

Da hal­te ich es mit Her­fried Münk­ler: Gro­ße Tei­le des Vol­kes sind dumm! Und so muss man sie auch behandeln!

https://www.deutschlandfunkkultur.de/politikwissenschaftler-herfried-muenkler-grosse-teile-des.990.de.html?dram:article_id=371845

Wir alle, auch die Regie­rung und die Wis­sen­schaft, haben mehr Fra­gen als Antworten.“

Nein, ich nicht. Ich höre von Beginn an den Dros­ten­pod­cast im NDR, lese täg­lich das Ärz­te­blatt, Spek­trum der Wis­sen­schaft und Natu­re. Ich füh­le mich sehr gut infor­miert und sehe übner­haupt kei­ne offe­nen Fra­gen. In mei­ner Umge­bung hin­ge­gen sind die Leu­te über­rascht dass „jetzt auf ein­mal“ die Fall­zah­len stei­gen, obwohl Model­lie­rer das bereits im April pro­gnos­ti­ziert haben. Auch der zwei­te Shut­down war von Wis­sen­schaft­lern garan­tiert wor­den. Und noch über­rasch­ter sind Durch­schnitts­men­schen wenn ich ihnen erklä­re dass die Zah­len von heu­te das Infek­ti­ons­ge­sche­hen von vor 10 Tagen und wie­der­ge­ben. Und dass man dar­aus berech­nen kann wie voll die Inten­siv­sta­tio­nen in 20 Tagen sein wer­den. Spoi­ler: Sehr voll, denn im Schnitt benö­tigt ein Covid-Pati­ent 36 Tage Inten­siv­be­treu­ung. Man­che sogar ein hal­bes Jahr.

Und dadurch dass min­des­tens 30 Pro­zent der Infek­tio­nen asym­pto­ma­tisch und wohl wei­te­re 20 Pro­zent mono­sym­ptho­ma­tisch ver­lau­fen und die sym­ptho­ma­ti­schen Ver­läu­fe drei Tage anste­ckend sind bevor sie etwas mer­ken, ist die Seu­che ein Pro­blem. Und ja, es kann sein dass die aktu­el­le Situa­ti­on noch zwei bis drei Jah­re dau­ert. Es ist sogar sehr wahr­schein­lich, wenn wir nicht die chi­ne­si­sche Bekämp­fung wählen.

Mei­ne tiefs­te Über­zeu­gung ist: Es gibt kei­ne Eigen­ver­ant­wi­or­tung in Deutsch­land. Egal ob Kli­ma­wan­del, Fein­staub oder die Seu­che: Die Leu­te sind ein­fach auf Kon­sum und Nor­ma­li­täts­sucht getrimmt. Ich ken­ne kaum jeman­den der sich wie ich täg­lich meh­re­re Stun­den mit Poli­tik als Hobby/Lebensinhalt beschäftigt.

Und hier noch eine stu­die dazu: „Bevöl­ke­rungs­schutz-For­scher der Akkon Hoch­schu­le für Human­wis­sen­schaf­ten haben in einer breit ange­leg­ten Stu­die 7.200 Ver­hal­tens­wei­sen von Men­schen in Deutsch­land wäh­rend der Coro­na-Kri­se ana­ly­siert und einen poten­zi­el­len Kri­sen­ka­ta­ly­sa­tor fest­ge­stellt: 50 Pro­zent der Teil­neh­men­den beschrei­ben zwar einen pro­so­zia­len Umgang mit der aktu­el­len Situa­ti­on, bei den ande­ren 50 Pro­zent über­wiegt aber anti­so­zia­les und ego­is­ti­sches Verhalten.“

https://www.akkon-hochschule.de/newsreader/verhalten-in-der-corona-krise-50-prozent-der-menschen-in-deutschland-reagieren-egoistisch.html

Marcus Raitner 6. November 2020 Antworten

Dan­ke für die inter­es­san­ten Links. Ich füh­le mich auch gut infor­miert, aber in mei­nem Kopf ergibt das noch kein schlüs­si­ges Bild, son­dern vie­le Wider­sprü­che, ange­fan­gen bei der Fra­ge, ob wir das rich­ti­ge in der rich­ti­gen Wei­se mes­sen, über wie groß das Pro­blem wirk­lich ist bis hin zu wel­che Maß­nah­men wirk­lich wirken.

Titus von Unhold 6. November 2020 Antworten

Man könn­te regio­na­le(!) Übersterb­lich­kei­ten mes­sen, dau­er­haf­te Erwerbs­min­de­rung durch anhal­ten­de Organ­schä­den oder Früh­ver­ren­tun­gen. Oder ver­lo­re­ne Lebens­jah­re. Das reflex­haf­te Ent­ge­gen­hal­ten von wirt­schaft­li­chen Schä­den hal­te ich nicht nur für unethisch, son­dern auch für dumm. Denn wer dau­er­haft arbeits­un­fä­hig oder ver­stor­ben ist, kann sowie­so nicht am wirt­schaft­li­chen Leben teilnehmen.

Die Poli­tik hat lei­der zwei gro­ße Pro­ble­me: Zum einen dass es kein Hand­buch „Pan­de­mie für Dum­mies“ gibt in dem man nach­schla­gen könn­te was zu tun ist. So bleibt ihr nur auf Sicht zu fah­ren. Und das ist bis­her eigent­lich ganz gut gelun­gen. Zum ande­ren fehlt der Poli­tik der Mut der Bevöl­ke­rung klar zu sagen was Pha­se ist.

Wir wis­sen näm­lich ziem­lich genau wie die Leu­te sich anste­cken: Durch ste­hen­de Aerosole.

Und auch in wel­chen Situa­tio­nen: Wenn die Leu­te sich ver­traut sind und gesel­li­ge Run­den ohne Abstand veranstalten.

Die Dis­kus­si­on ob das nun in Schu­len, auf Hoch­zei­ten, Geburts­ta­gen, im Thea­ter, im Restau­rant, auf der Arbeit oder im ÖPNV auf dem Weg dort­hin pas­siert ist sinn­los. Wenn man den Leu­ten die Mög­lich­keit nimmt, ist die Anste­ckungs­ge­fahr auf jeden Fall gemindert. 

Ich bin mir abso­lut sicher dass ein Dok­tor in Phy­sik dabei hilft Expo­ten­ti­al­rech­nung zu ver­ste­hen, man muss die Schluss­fol­ge­rung aber auch prä­gnant erläu­tern. Schließ­lich liest nicht jeder den RKI-Bericht und kann sich abs­trakt vor­stel­len wel­che Schluss­fol­ge­run­gen zu zie­hen sind.

Wür­de täg­lich gesagt wir brau­chen für die heu­ti­gen 20.000 Neu­in­fek­tio­nen in 30 Tagen ca. 1000 Inten­siv­bet­ten und 3000 Über­wa­chungs­bet­ten, sähe die Welt viel­leicht anders aus.

Martin Bartonitz 22. November 2020 Antworten

Puh: „Die meis­ten Bür­ger sind ein­fach zu dumm und müs­sen geführt werden.“
Wenn dem so ist, war­um las­sen wir dann die­se Dum­men über­haupt wählen?

Ansgar 21. November 2020 Antworten

PT 1

Hal­lo Mar­cus, ich möch­te ein paar kri­ti­sche Punk­te zu dei­nem Arti­kel anmer­ken. Zunächst woll­te ich die ent­spre­chen­den Fak­ten­checks auf­fah­ren, doch Titus von Unhold hat das wich­tigs­te bereits gepostet. 

Vor­weg nur dies: So wie sich für mich die Lage heu­te dar­stellt, sind alle Fra­gen zum The­ma Dia­gnos­tik und Test­stra­te­gie hin­rei­chend geklärt. Alle Vor­aus­sa­gen zum Ver­lauf der aktu­el­len 2. Wel­le waren bereits im Früh­jahr von allen rele­van­ten Expert:innen vor­aus­ge­sagt. Allein, man woll­te nicht hören. Eben­so ist es mMn irrele­vant dar­über zu strei­ten, wie die exak­te Ver­tei­lung von asym­pto­ti­schen, leich­ten und mitt­le­ren Fäl­len gegen­über schwe­ren Fäl­len ist. Die Mess­lat­te dafür, wie gefähr­lich die Pan­de­mie wirk­lich ist, ist die Bele­gung der Inten­siv­bet­ten. Und die sind voll. Wir haben es also mit einer Pan­de­mie zu tun. 

Über geeig­ne­te Maß­nah­men und ihre Wir­kung lie­ße sich bis vor ein paar Mona­ten auch noch dis­ku­tie­ren, aber da ist der Drops auch schon gelutscht. Wie mein Vor­schrei­ber Titus von Unhold anmerkt: es sind die sozia­len Kon­tak­te, die die Pan­de­mie trei­ben. Also müs­sen die­se unter­bun­den wer­den. Nur wie? Und vor allem: Wie müss­te in die­ser Situa­ti­on dar­über kom­mu­ni­ziert und ent­schie­den werden?

Als Agi­le-Fan fol­ge dei­ner Arbeit und dei­nen Aus­füh­run­gen stets mit Neu­gier­de und bin dir dank­bar für dei­ne stets fri­sche Impul­se. Daher war ich auch sehr gespannt auf dei­ne Kri­tik am Vor­ge­hen der Regie­ren­den. Ich muss geste­hen, dass mich die Alter­na­ti­ven, die du in dei­nem Arti­kel auf­zeigst, nicht überzeugen. 

Zunächst hakt es bereits bei dei­ner Ein­schät­zung der der­zei­ti­gen Situa­ti­on. Wir befin­den uns nicht in einem Ver­än­de­rungs­pro­zess, der mög­lichst nach­hal­tig gestal­tet wer­den kann. In “her­kömm­li­chen” Trans­for­ma­ti­ons­set­tings gibt es zunächst ein Pha­se der Ist-Ana­ly­se, aus die­ser wer­den dann mög­li­che Maß­nah­men abge­lei­tet. Dann kann man anfan­gen das Sys­tem danach aus­zu­rich­ten, am bes­ten durch Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und Eigenverantwortung.

Ansgar 21. November 2020 Antworten

PT 2

In die­sem Fall haben wir es aber nicht mit einer Situa­ti­on zu tun, in der das Sys­tem nach reif­li­cher Über­le­gung zu der Über­zeu­gung kommt, dass sich etwas ändern muss. Um bei dei­nem Bild des Kapi­täns zu blei­ben: Wir hat­ten es mit einem rasch auf­zie­hen­den Unwet­ter zu tun, dann folg­ten ein paar ent­spann­te Son­nen­ta­ge. Und jetzt kommt noch­mal ein rich­ti­ger Sturm. Zufäl­lig konn­te ich bereits die Erfah­rung machen, wie sich eine Segel­crew im Sturm auf dem Nord­at­lan­tik zu ver­hal­ten hat: Alle hören auf den Kapi­tän, auch wenn er nicht der freund­lichs­te ist. Wenns vor­bei ist, sind die har­ten Wor­te ver­ges­sen, dann kann wie­der Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und Eigen­ver­ant­wor­tung ein­keh­ren. Was zählt ist eben doch: Der Gehor­sam. Oder in unse­rem Pan­de­mie­fall: auf Exper­tin­nen soll­te man hören. Wenn es vor­bei ist kann man immer noch dar­über strei­ten, was genau zu wel­chem Zeit­punkt wirk­lich nötig gewe­sen wäre.

Ich stim­me dir in der Dia­gno­se zu, dass sich Wider­stand, Angst und Miss­mut in der Bevöl­ke­rung regt. Ich tei­le aber nicht dei­ne Mei­nung, dass eine von grund­auf fal­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on haupt­ur­säch­lich dafür ist. Unse­re frei­en Gesell­schaf­ten waren ein­fach zu kei­nem Zeit­punkt dar­auf vor­be­rei­tet, obwohl es mah­nen­de Stim­men gab. Die­se Pan­de­mie negiert ziem­lich viel von dem, was uns wich­tig ist (Frei­heit vie­le Din­ge zu tun und zu sagen und dabei von mög­lichst nie­man­dem gestört zu werden). 

Eine Reak­ti­on auf das Erle­ben in der Pan­de­mie ist ver­ständ­li­cher­wei­se getrie­ben von Angst und Abwehr. Es führt aber in die Lee­re, wenn die han­deln­den und ent­schei­den­den Per­so­nen allei­nig dafür ver­ant­wort­lich gemacht wer­den. Ursa­che sind eigent­lich Exis­tenz­ängs­te, die in einer kon­sum­ge­trie­be­nen Gesell­schaft bis­her vor­züg­lich über­la­gert wer­den konn­ten von dem neu­es­ten Dings und Bums.

Nach die­sen Wider­wor­ten will ich noch mein auf­rich­ti­ges Inter­es­se dar­über zum Aus­druck brin­gen, was du über die augen­schein­li­chen Gren­zen von Agi­li­tät denkst, die ich ver­sucht habe auf­zu­zei­gen. Inwie­fern ist es mög­lich, in einem so ver­netz­ten Sys­tem in einer aku­ten exis­ten­ti­el­len Kri­sen­si­tua­ti­on auf Eigen­ver­ant­wor­tung und Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on zu set­zen? Stößt Agi­li­tät dort (zumin­dest tem­po­rär) an sei­ne Gren­zen? Oder ist Agi­li­tät immer aus­schließ­lich die “bes­te Lösung” (Lang­fris­tig sicher­lich, aber kurz­fris­tig?)? Wel­chen Wert kann “Soli­da­ri­tät” (Ich wür­de die­se Les­art ger­ne dei­nem “Gehor­sam” ent­ge­gen­stel­len) im Kon­text von agi­len Sys­te­men einnehmen? 

Es wür­de mich freu­en, dazu ein paar Zei­len von dir zu lesen!

Marcus Raitner 21. November 2020 Antworten

Lie­ber Ans­gar, vie­len Dank für dei­nen Kom­men­tar, der fast schon ein eige­ner Blog­post ist. Für mich ist es kei­ne Fra­gen, dass wir die­se Kri­se nur mit Eigen­ver­ant­wor­tung und Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on bewäl­ti­gen kön­nen. Alle Maß­nah­men ste­hen und fal­len damit, dass die Bür­ger sie mit­tra­gen und das geht eben bes­ser mit der Dis­zi­plin, die sich aus Über­zeu­gung und Ver­ständ­nis speist als mit Gehor­sam aus Angst vor Dis­zi­pli­nie­rung. Man kann ja nicht alle Bür­ger per­ma­nent über­wa­chen auch nicht, wenn man laut dar­über nach­denkt, Fehl­ver­hal­ten der Nach­barn bei doch ruhig bei der Poli­zei zu melden … 

Die bis­he­ri­ge Kom­mu­ni­ka­ti­on der Regie­rung hilft mei­ner Mei­nung nach nicht die­se Eigen­ver­ant­wor­tung zu kul­ti­vie­ren. Kurz­fris­tig mögen Befeh­le, Ver­ord­nun­gen und Appel­le hel­fen; lang­fris­tig (und das mein­te ich mit nach­hal­ti­ger Stra­te­gie) reicht das aber nicht. Die Wider­stän­de, die wir beob­ach­ten (und ich mei­ne nicht die alut­hutra­gen­den Ver­quer­den­ker) sind eine Kon­se­quenz die­ser Anspra­che und des Ver­sa­gens die Situa­ti­on ver­ständ­lich zu kommunizieren. 

Es ist näm­lich lei­der nicht so ein­fach wie mit dei­nem Sturm. Die Situa­ti­on ist weit­aus kom­ple­xer und des­halb gehen die Inter­pre­ta­tio­nen der Lage und der Maß­nah­men auch aus­ein­an­der. Die Situa­ti­on ist aber ohne Fra­ge ernst, da sind wir uns alle einig. Und weil sie so ernst ist, erwar­te ich von unse­ren Exper­ten und der Regie­rung auch, dass sie sich neben all den Maß­nah­men auch über­le­gen, wie der Ernst der Lage mög­lichst gut erfasst wer­den kann. Bis­her schau­en wir nur auf die Sie­ben-Tage-Inzi­denz und die hängt mas­siv von der Test­stra­te­gie und den Tests ab. Und da hät­te ich genau dies­sel­ben Fra­gen, wie sie Simon Hege­lich in sei­nem Arti­kel schön aus­ge­ar­bei­tet hat.

Gera­de weil die Situa­ti­on kom­plex ist, geht es nicht ohne Agi­li­tät. Und die ver­langt ein empi­ri­sches Vor­ge­hen und dafür brau­chen wir eine gute Daten­ba­sis. Wenn wir aber gleich­zei­tig mit den Maß­nah­men wie­der die Test­stra­te­gie ändern, wie jüngst wie­der pas­siert, wie wol­len wir jemals wis­sen, ob wir rich­tig unter­wegs sind oder falsch abgebogen?

Martin Bartonitz 22. November 2020 Antworten

Lie­ber Marcus,

vie­len Dan­ke für Dei­ne Sicht auf Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on. Ich beob­ach­te auch seit Beginn der Pan­de­mie, wie wir sei­tens Poli­tik und Medi­en mit Fak­ten ver­sorgt wer­den, aber auch eben nicht ver­sorgt wer­den. Peter Scholl-Latour sag­te zu sei­nen Jour­na­lis­tik-Stu­den­ten immer wie­der: „Schaut genau hin, wer am meis­ten beschimpft wird. Das sind in der Regel die Guten.“. Und wenn ich mir dann anschaue, wie viel Beschimp­fung gera­de Jene erhiel­ten, die auch auf die ver­schwie­ge­nen Fak­ten hin­wei­sen, so bemer­ke ich in die­sen wir­ren Zei­ten einen extre­men Man­gel an Debat­te, die doch so not­wen­dig ist, wenn kom­ple­xe Situa­ti­on zu beleuch­ten sind. 

Da oben schrieb Jemand, dass der über­wei­gen­de Teil der Men­schen zu dumm sei und ihm daher Befeh­le zu ertei­len sei­en, sprich er gehor­che müs­sen. Dass dabei aber so vie­le Exper­ten, die bei­tra­gen könn­ten, abge­würgt wer­den, kommt in die­ser Sicht­wei­se nicht mehr zum Tragen.

Inzwi­schen steht der PCR-Test ziem­lich unter Feu­er. Nächs­te Woche soll dazu in den USA eine Sam­mel­kla­ge ein­ge­reicht wer­den. Für Öster­reich steht eben­falls eine sol­che Kla­ge an. Wir dür­fen gespannt sein, ob die not­wen­di­ge Debat­te dann doch noch in Gang kommt. Denn das gan­ze Pan­de­mie-Kon­strukt steht und fällt mit dem Blick auf eine vali­de Fallzahl.

Vie­le Grüße
Martin

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