Eigenverantwortung statt Gehorsam

Ein­sa­me Weih­nach­ten? Wie redet Mar­kus Söder eigent­lich mit uns? Ich habe es satt wie ein Kind ermahnt, bedroht und gele­gent­lich auch gelobt zu wer­den. Mit die­ser fort­wäh­ren­den Infan­ti­li­sie­rung mün­di­ger Bür­ger unter­gräbt die Regie­rung die Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und Eigen­ver­ant­wor­tung, die wir für eine nach­hal­ti­ge Ein­däm­mung der Pan­de­mie aber drin­gend bräuchten.

Wenn mei­ne Kin­der acht­los auf eine befah­re­ne Stra­ße lau­fen, hal­te ich sie natür­lich zurück. Bei unmit­tel­ba­rer Gefahr ist die­ser mas­si­ve Ein­griff in ihre Frei­heit gerecht­fer­tigt. Kurz­fris­tig jeden­falls. Lang­fris­tig wer­de ich aber nicht immer und an jeder Stra­ße neben ihnen ste­hen kön­nen und brau­che daher eine Stra­te­gie, die auf Ver­ständ­nis von Zusam­men­hän­gen und Eigen­ver­ant­wor­tung basiert. Ähn­li­ches gilt für über­mä­ßi­gem Kon­sum von Zucker, wo Ver­bo­te auch nur in den ers­ten Jah­ren hel­fen bis die Kin­der die kogni­ti­ve Rei­fe für das nöti­ge Ver­ständ­nis der Zusam­men­hän­ge haben und selbst Ver­ant­wor­tung für ihre Ernäh­rung über­neh­men können.

Dis­zi­plin erhält man durch Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und Eigen­ver­ant­wor­tung, durch Dis­zi­pli­nie­rung bekommt man nur Gehorsam.

Gerald Hüt­her

Bei Ver­än­de­rungs­pro­zes­sen in der Gesell­schaft und in Orga­ni­sa­tio­nen ist das genau­so: Erst auf Basis von Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und Eigen­ver­ant­wor­tung (und dem authen­ti­schen Vor­bild von Füh­rung) ent­steht nach­hal­ti­ge, weil von Sinn gelei­te­te Ver­än­de­rung von Ver­hal­ten. Genau das bräuch­ten wir jetzt zur Ein­däm­mung der Coro­na-Pan­de­mie in Deutsch­land. Tat­säch­lich erle­ben wir aber immer noch eine Bun­des­kanz­le­rin und Minis­ter­prä­si­den­ten, die wie besorg­te Eltern reflex­haft ihre Kin­der ob der dro­hen­den Gefahr wie­der von der befah­re­nen Stra­ße zurückziehen.

Was im Früh­jahr noch ange­mes­sen war, nutzt sich auf Dau­er aber sehr schnell ab. Irgend­wann hören die Kin­der ein­fach nicht mehr hin, wenn sie dau­ernd ange­schrien wer­den. Und ganz sicher för­dern die­se mas­si­ven Ein­grif­fe nicht die Eigen­ver­ant­wor­tung, son­dern unter­bin­den im Gegen­teil das eige­ne Den­ken. Die da oben wer­den es schon wis­sen. Die Zeit der Appel­le und Gebo­te ist seit dem Früh­jahr vor­bei und über den Som­mer wur­de es ver­säumt, auf eine lang­fris­ti­ge Stra­te­gie auf Basis der Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und Eigen­ver­ant­wor­tung mün­di­ger Bür­ger (Aus­nah­men bestä­ti­gen auch hier nur die Regel) umzuschwenken. 

Nur wenn ein Mensch Sinn in dem erkennt, was er machen soll, kann er hin­rei­chen­de Selbst­dis­zi­plin entwickeln.

Gerald Hüt­her

Die Men­schen wol­len nicht län­ger wie unar­ti­ge Kin­der behan­delt wer­den. Ich habe es satt von unse­rer Regie­rung, ermahnt, bedroht und gele­gent­lich auch gelobt zu wer­den. Die Situa­ti­on ist äußerst kom­plex im eigent­li­chen Sinn des Wor­tes, viel kom­ple­xer als das Über­que­ren einer Stra­ße jeden­falls. Wir alle, auch die Regie­rung und die Wis­sen­schaft, haben mehr Fra­gen als Ant­wor­ten. Und dort wo es Ant­wor­ten gibt, sind sie oft nicht ein­deu­tig und wider­sprüch­lich. Ein Bei­spiel von vie­len: Spielt ein ein­fa­cher Mund-Nasen-Schutz eine wesent­li­che Rol­le bei der Ein­däm­mung? Oder scha­det das lan­ge oder fal­sche Tra­gen unge­eig­ne­ter Mas­ken viel­leicht sogar? Die For­schung ist unüber­sicht­lich und das ist voll­kom­men nor­mal so (vgl. dazu den im August in The Lan­cet erschie­nen Über­sichts­ar­ti­kel).

Die Kom­ple­xi­tät der Pan­de­mie ist inhä­rent und geht nicht weg. Da hilft es auch nicht, wenn Mar­kus Söder gern den erfah­re­nen Kapi­tän und har­ten Kri­sen­ma­na­ger mimt. Im Gegen­teil, die­ser bes­ser­wis­se­ri­sche, gön­ner­haf­te und bis­wei­len arro­gan­te Ges­tus des ober­leh­rer­haf­ten Ret­ters unter­gräbt genau die Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und Eigen­ver­ant­wor­tung, die wir für eine nach­hal­ti­ge Ein­däm­mung eigent­lich bräuch­ten. Am Ende kann die Regie­rung näm­lich nicht neben jeden der 80 Mil­lio­nen Deut­schen ste­hen und sie vor sich selbst „beschüt­zen“ (auch wenn die Vor­stel­lung dem einen oder ande­ren Innen­mi­nis­ter durch­aus gefal­len dürfte). 

Die Ein­däm­mung der Pan­de­mie ist ein Mara­thon und kein Sprint – auch nicht zwei oder drei Sprints. Das Ziel lau­tet daher nicht Gehor­sam, son­dern Eigen­ver­ant­wor­tung. Den unar­ti­gen Bür­gern per­ma­nent die stei­gen­den Fall­zah­len vor­zu­hal­ten und mit einem erneu­ten Her­un­ter­fah­ren des öffent­li­chen Lebens zu dro­hen, wenn sie wei­ter stei­gen soll­ten, oder gar mit „ein­sa­men Weih­nach­ten“, wie Mar­kus Söder es mit erho­be­nem Zei­ge­fin­ger for­mu­lier­te, hilft dafür aber ganz und gar nicht, son­dern erzeugt haupt­säch­lich Angst, Miss­mut und Widerstand.

Kin­der sind in die­sem Punkt genau wie Erwach­se­ne: Wir wol­len, wenn irgend mög­lich, gern koope­rie­ren, aber wir haben es nicht gern, wenn wir durch Mani­pu­la­ti­on dazu gebracht werden.

Jesper Juul

Ein wenig mehr Demut ange­sichts der Kom­ple­xi­tät der Lage einer­seits und Respekt vor dem mün­di­gen und in den meis­ten Fäl­len sehr umsich­ti­gen Bür­gern ande­rer­seits stün­de unse­rer Regie­rung gut zu Gesicht. Ehr­li­cher und kraft­vol­ler wäre nach der Som­mer­pau­se das Ein­ge­ständ­nis gewe­sen, dass die Lage kom­plex und viel­deu­tig ist und auch die Regie­rung und ihre Bera­ter die Ursa­chen für den Anstieg der Fall­zah­len nicht genau ken­nen. Das Ver­hal­ten der Bür­ger wäre dann nur noch ein Fak­tor, ein wie jedes Jahr sai­so­nal anstei­gen­de Infek­te der Atem­we­ge ein ande­rer. Und natür­lich hät­te man dann auch selbst­kri­tisch hin­ter­fra­gen kön­nen, ob wir über­haupt das Rich­ti­ge in der rich­ti­gen Wei­se mes­sen und die rich­ti­gen Kenn­zah­len betrachten.

Anstatt ein­fach dem Bür­ger und sei­nem Fehl­ver­hal­ten die allei­ni­ge Schuld für die gestie­ge­nen Zah­len zuzu­schrei­ben, hät­te man dann eben auch vor der eige­nen Türe keh­ren kön­nen und deutsch­land­weit stan­dar­di­sie­ren kön­nen, unter wel­chen Umstän­den genau (Test­stra­te­gie), wel­cher Test auf wel­che Wei­se genau (wel­ches Gen oder wel­che Gene) mit wel­cher Zyklen­zahl anzu­wen­den ist (vgl. dazu die­sen aus­führ­li­chen Arti­kel oder die­sen der New York Times). Und man hät­te sich aus­sa­ge­kräf­ti­ge­re Kenn­zah­len als die ein­fa­che 7‑Ta­ges-Inzi­denz über­le­gen kön­nen (wie dies zuletzt von vie­len Ärz­te­ver­bän­den und Wis­sen­schaft­lern in einem Posi­ti­ons­pa­pier gefor­dert wurde). 

In einem sol­chen Gesamt­pa­ket wäre ein Her­un­ter­fah­ren des öffent­li­chen Lebens dann ein Teil einer gemein­sa­men Anstren­gung und lang­fris­ti­gen Stra­te­gie und hät­te nicht den faden Bei­geschmack der Maß­re­ge­lung. Mit einer etwas demü­ti­ge­ren Hal­tung könn­te man zudem den vie­len abstru­sen Ver­schwö­rungs­theo­rien ganz leicht dadurch das Was­ser abgra­ben, dass man ande­re Inter­pre­ta­tio­nen der Situa­ti­on und der Zah­len – die ange­sichts der Kom­ple­xi­tät völ­lig nor­mal sind – nicht bes­ser­wis­se­risch bei­sei­te wischt oder ein­fach igno­riert, son­dern kon­struk­tiv in die­se Stra­te­gie integriert.

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18 Kommentare

Dei­ne The­sen pas­sen sehr gut für Teams mit gemein­sa­men Wer­ten und Zie­len. Du, ich und vie­le ande­re tei­len ähn­li­che Wer­te. Wir sehen in der Bewäl­ti­gung der Kri­se ein gemein­sa­mes Ziel. Und wir gehen sehr ver­ant­wor­tungs­voll mit uns und unse­ren Mit­men­schen um. Mir fehlt in Dei­nen Aus­füh­run­gen noch ein Vor­schlag, wie wir als (sehr gro­ßes) Team mit den Men­schen umge­hen sol­len, die immer noch kei­nen Abstand hal­ten, die immer noch nicht ver­stan­den haben, dass ein Mund-NASEN-Schutz erfor­der­lich ist und die sich bis zum Ein­set­zen der mas­si­ven Ein­schrän­kun­gen in dich­ten Trau­ben vor Ski­lif­ten gedrängt haben. Sie gefähr­den nicht nur sich, son­dern sehr vie­le ande­re Men­schen. Und es scheint ihnen egal zu sein. Wie wür­de ein erfah­re­ner Scrum Mas­ter mit Team­mit­glie­dern reden, die sich wie­der­holt so verhalten?

Ich zitie­re an der Stel­le Tai­chii Ohno, bzw. die Geschich­te die Yoshi­hi­to Wakamatsu, der vie­le Jah­re direkt unter Taiichi Ohno arbei­te­te, beschrieb: Bei einem Besuch in einem Werk von Toyo­ta wur­de Ohno von einem ande­ren Mana­ger beglei­tet. Die­sem fie­len dort offen­sicht­li­che Feh­ler in der Umset­zung des Toyo­ta-Pro­duk­ti­ons­sys­tems auf und so frag­te er Ohno, war­um die­ser nicht sofort kor­ri­gie­ren ein­ge­grif­fen hät­te. Die Ant­wort war: 

I am being pati­ent. I can­not use my aut­ho­ri­ty to for­ce them to do what I want them to do. It would not lead to good qua­li­ty pro­ducts. What we must do is to per­sist­ent­ly seek under­stan­ding from the shop floor workers by per­sua­ding them of the true vir­tu­es of the Toyo­ta Sys­tem. After all, manu­fac­tu­ring is essen­ti­al­ly a human deve­lo­p­ment that depends hea­vi­ly on how we teach our workers.

Wenn wir sol­che Abwei­chun­gen bemer­ken, sind das nur Sym­pto­me eines tie­fer­lie­gen­den Miss­ver­ständ­nis­ses bzw. Unver­ständ­nis­ses. Da müs­sen wir ran. Und so wie der­zeit agiert und kom­mu­ni­ziert wird, kom­men wir da aber nicht ran. Im Gegen­teil: Sobald der Zwang weg­fällt, geht die Par­ty weiter.

Lie­ber Marcus,

Vie­len Dank für die­se fun­dier­te Positionierung.
Ich stim­me in allen wesent­li­chen Punk­ten zu.
Aber auch klar ist, dass das The­ma dazu ver­lei­tet, auf allen Ebe­nen dis­ku­tiert zu wer­den. Ich den­ke, das war dir klar :-).

Ich emp­feh­le dazu aber, sich wirk­lich wirk­lich auf die Suche nach fun­dier­tem Wis­sen zu bege­ben. Sprich in den Roh­in­for­ma­tio­nen von Her­stel­lern, Labo­ren und Kran­ken­häu­sern, ger­ne auch RKI zu recherchieren:
Kann ein PCR-Test eine Infektion/ Erkran­kung dia­gnos­ti­zie­ren bzw. was genau weist ein PCR-Test nach und was nicht?
Wel­che Feh­ler­quo­te hat ein (aktu­ell nicht unter For­schungs­be­din­gun­gen mas­sen­haft durch­ge­führ­ter) PCR-Test?
Wie sieht eine sau­be­re, fun­dier­te Sta­tis­tik aus, um die Leta­li­tät eines Virus zu berech­nen und wie wird sie gera­de berech­net? Wie ist sie im Ver­gleich zur übli­chen Influ­en­za etc?
Haben wir in 2020 eine Situa­ti­on gehabt oder droht uns Eine, in der das Gesund­heits­sys­tem auch nbur in die Nähe sei­ner Gren­zen kommt? 

Auch hier tut sich die gan­ze Kom­ple­xi­tät der Rea­li­tät auf. Mit jedem, der mit fun­dier­ten ZDF’s kommt, stei­ge ich ger­ne tie­fer ein.

Viel Grü­ße
Rainer

Sehr gut zusam­men­ge­fasst, Marcus.
Man hört heut­zu­ta­ge viel zu wenig kon­struk­ti­ves über die Meta-Ebe­ne und zu viel Schar­müt­zel über „fal­sche“ Zahlen.

Die Zeit der Appel­le und Gebo­te ist seit dem Früh­jahr vor­bei und über den Som­mer wur­de es ver­säumt, auf eine lang­fris­ti­ge Stra­te­gie auf Basis der Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und Eigen­ver­ant­wor­tung mün­di­ger Bür­ger (Aus­nah­men bestä­ti­gen auch hier nur die Regel) umzuschwenken. “

Da hal­te ich es mit Her­fried Münk­ler: Gro­ße Tei­le des Vol­kes sind dumm! Und so muss man sie auch behandeln!

https://www.deutschlandfunkkultur.de/politikwissenschaftler-herfried-muenkler-grosse-teile-des.990.de.html?dram:article_id=371845

Wir alle, auch die Regie­rung und die Wis­sen­schaft, haben mehr Fra­gen als Antworten.“

Nein, ich nicht. Ich höre von Beginn an den Dros­ten­pod­cast im NDR, lese täg­lich das Ärz­te­blatt, Spek­trum der Wis­sen­schaft und Natu­re. Ich füh­le mich sehr gut infor­miert und sehe übner­haupt kei­ne offe­nen Fra­gen. In mei­ner Umge­bung hin­ge­gen sind die Leu­te über­rascht dass „jetzt auf ein­mal“ die Fall­zah­len stei­gen, obwohl Model­lie­rer das bereits im April pro­gnos­ti­ziert haben. Auch der zwei­te Shut­down war von Wis­sen­schaft­lern garan­tiert wor­den. Und noch über­rasch­ter sind Durch­schnitts­men­schen wenn ich ihnen erklä­re dass die Zah­len von heu­te das Infek­ti­ons­ge­sche­hen von vor 10 Tagen und wie­der­ge­ben. Und dass man dar­aus berech­nen kann wie voll die Inten­siv­sta­tio­nen in 20 Tagen sein wer­den. Spoi­ler: Sehr voll, denn im Schnitt benö­tigt ein Covid-Pati­ent 36 Tage Inten­siv­be­treu­ung. Man­che sogar ein hal­bes Jahr.

Und dadurch dass min­des­tens 30 Pro­zent der Infek­tio­nen asym­pto­ma­tisch und wohl wei­te­re 20 Pro­zent mono­sym­ptho­ma­tisch ver­lau­fen und die sym­ptho­ma­ti­schen Ver­läu­fe drei Tage anste­ckend sind bevor sie etwas mer­ken, ist die Seu­che ein Pro­blem. Und ja, es kann sein dass die aktu­el­le Situa­ti­on noch zwei bis drei Jah­re dau­ert. Es ist sogar sehr wahr­schein­lich, wenn wir nicht die chi­ne­si­sche Bekämp­fung wählen.

Mei­ne tiefs­te Über­zeu­gung ist: Es gibt kei­ne Eigen­ver­ant­wi­or­tung in Deutsch­land. Egal ob Kli­ma­wan­del, Fein­staub oder die Seu­che: Die Leu­te sind ein­fach auf Kon­sum und Nor­ma­li­täts­sucht getrimmt. Ich ken­ne kaum jeman­den der sich wie ich täg­lich meh­re­re Stun­den mit Poli­tik als Hobby/Lebensinhalt beschäftigt.

Und hier noch eine stu­die dazu: „Bevöl­ke­rungs­schutz-For­scher der Akkon Hoch­schu­le für Human­wis­sen­schaf­ten haben in einer breit ange­leg­ten Stu­die 7.200 Ver­hal­tens­wei­sen von Men­schen in Deutsch­land wäh­rend der Coro­na-Kri­se ana­ly­siert und einen poten­zi­el­len Kri­sen­ka­ta­ly­sa­tor fest­ge­stellt: 50 Pro­zent der Teil­neh­men­den beschrei­ben zwar einen pro­so­zia­len Umgang mit der aktu­el­len Situa­ti­on, bei den ande­ren 50 Pro­zent über­wiegt aber anti­so­zia­les und ego­is­ti­sches Verhalten.“

https://www.akkon-hochschule.de/newsreader/verhalten-in-der-corona-krise-50-prozent-der-menschen-in-deutschland-reagieren-egoistisch.html

Dan­ke für die inter­es­san­ten Links. Ich füh­le mich auch gut infor­miert, aber in mei­nem Kopf ergibt das noch kein schlüs­si­ges Bild, son­dern vie­le Wider­sprü­che, ange­fan­gen bei der Fra­ge, ob wir das rich­ti­ge in der rich­ti­gen Wei­se mes­sen, über wie groß das Pro­blem wirk­lich ist bis hin zu wel­che Maß­nah­men wirk­lich wirken.

Man könn­te regio­na­le(!) Übersterb­lich­kei­ten mes­sen, dau­er­haf­te Erwerbs­min­de­rung durch anhal­ten­de Organ­schä­den oder Früh­ver­ren­tun­gen. Oder ver­lo­re­ne Lebens­jah­re. Das reflex­haf­te Ent­ge­gen­hal­ten von wirt­schaft­li­chen Schä­den hal­te ich nicht nur für unethisch, son­dern auch für dumm. Denn wer dau­er­haft arbeits­un­fä­hig oder ver­stor­ben ist, kann sowie­so nicht am wirt­schaft­li­chen Leben teilnehmen.

Die Poli­tik hat lei­der zwei gro­ße Pro­ble­me: Zum einen dass es kein Hand­buch „Pan­de­mie für Dum­mies“ gibt in dem man nach­schla­gen könn­te was zu tun ist. So bleibt ihr nur auf Sicht zu fah­ren. Und das ist bis­her eigent­lich ganz gut gelun­gen. Zum ande­ren fehlt der Poli­tik der Mut der Bevöl­ke­rung klar zu sagen was Pha­se ist.

Wir wis­sen näm­lich ziem­lich genau wie die Leu­te sich anste­cken: Durch ste­hen­de Aerosole.

Und auch in wel­chen Situa­tio­nen: Wenn die Leu­te sich ver­traut sind und gesel­li­ge Run­den ohne Abstand veranstalten.

Die Dis­kus­si­on ob das nun in Schu­len, auf Hoch­zei­ten, Geburts­ta­gen, im Thea­ter, im Restau­rant, auf der Arbeit oder im ÖPNV auf dem Weg dort­hin pas­siert ist sinn­los. Wenn man den Leu­ten die Mög­lich­keit nimmt, ist die Anste­ckungs­ge­fahr auf jeden Fall gemindert. 

Ich bin mir abso­lut sicher dass ein Dok­tor in Phy­sik dabei hilft Expo­ten­ti­al­rech­nung zu ver­ste­hen, man muss die Schluss­fol­ge­rung aber auch prä­gnant erläu­tern. Schließ­lich liest nicht jeder den RKI-Bericht und kann sich abs­trakt vor­stel­len wel­che Schluss­fol­ge­run­gen zu zie­hen sind.

Wür­de täg­lich gesagt wir brau­chen für die heu­ti­gen 20.000 Neu­in­fek­tio­nen in 30 Tagen ca. 1000 Inten­siv­bet­ten und 3000 Über­wa­chungs­bet­ten, sähe die Welt viel­leicht anders aus.

Puh: „Die meis­ten Bür­ger sind ein­fach zu dumm und müs­sen geführt werden.“
Wenn dem so ist, war­um las­sen wir dann die­se Dum­men über­haupt wählen?

PT 1

Hal­lo Mar­cus, ich möch­te ein paar kri­ti­sche Punk­te zu dei­nem Arti­kel anmer­ken. Zunächst woll­te ich die ent­spre­chen­den Fak­ten­checks auf­fah­ren, doch Titus von Unhold hat das wich­tigs­te bereits gepostet. 

Vor­weg nur dies: So wie sich für mich die Lage heu­te dar­stellt, sind alle Fra­gen zum The­ma Dia­gnos­tik und Test­stra­te­gie hin­rei­chend geklärt. Alle Vor­aus­sa­gen zum Ver­lauf der aktu­el­len 2. Wel­le waren bereits im Früh­jahr von allen rele­van­ten Expert:innen vor­aus­ge­sagt. Allein, man woll­te nicht hören. Eben­so ist es mMn irrele­vant dar­über zu strei­ten, wie die exak­te Ver­tei­lung von asym­pto­ti­schen, leich­ten und mitt­le­ren Fäl­len gegen­über schwe­ren Fäl­len ist. Die Mess­lat­te dafür, wie gefähr­lich die Pan­de­mie wirk­lich ist, ist die Bele­gung der Inten­siv­bet­ten. Und die sind voll. Wir haben es also mit einer Pan­de­mie zu tun. 

Über geeig­ne­te Maß­nah­men und ihre Wir­kung lie­ße sich bis vor ein paar Mona­ten auch noch dis­ku­tie­ren, aber da ist der Drops auch schon gelutscht. Wie mein Vor­schrei­ber Titus von Unhold anmerkt: es sind die sozia­len Kon­tak­te, die die Pan­de­mie trei­ben. Also müs­sen die­se unter­bun­den wer­den. Nur wie? Und vor allem: Wie müss­te in die­ser Situa­ti­on dar­über kom­mu­ni­ziert und ent­schie­den werden?

Als Agi­le-Fan fol­ge dei­ner Arbeit und dei­nen Aus­füh­run­gen stets mit Neu­gier­de und bin dir dank­bar für dei­ne stets fri­sche Impul­se. Daher war ich auch sehr gespannt auf dei­ne Kri­tik am Vor­ge­hen der Regie­ren­den. Ich muss geste­hen, dass mich die Alter­na­ti­ven, die du in dei­nem Arti­kel auf­zeigst, nicht überzeugen. 

Zunächst hakt es bereits bei dei­ner Ein­schät­zung der der­zei­ti­gen Situa­ti­on. Wir befin­den uns nicht in einem Ver­än­de­rungs­pro­zess, der mög­lichst nach­hal­tig gestal­tet wer­den kann. In “her­kömm­li­chen” Trans­for­ma­ti­ons­set­tings gibt es zunächst ein Pha­se der Ist-Ana­ly­se, aus die­ser wer­den dann mög­li­che Maß­nah­men abge­lei­tet. Dann kann man anfan­gen das Sys­tem danach aus­zu­rich­ten, am bes­ten durch Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und Eigenverantwortung.

PT 2

In die­sem Fall haben wir es aber nicht mit einer Situa­ti­on zu tun, in der das Sys­tem nach reif­li­cher Über­le­gung zu der Über­zeu­gung kommt, dass sich etwas ändern muss. Um bei dei­nem Bild des Kapi­täns zu blei­ben: Wir hat­ten es mit einem rasch auf­zie­hen­den Unwet­ter zu tun, dann folg­ten ein paar ent­spann­te Son­nen­ta­ge. Und jetzt kommt noch­mal ein rich­ti­ger Sturm. Zufäl­lig konn­te ich bereits die Erfah­rung machen, wie sich eine Segel­crew im Sturm auf dem Nord­at­lan­tik zu ver­hal­ten hat: Alle hören auf den Kapi­tän, auch wenn er nicht der freund­lichs­te ist. Wenns vor­bei ist, sind die har­ten Wor­te ver­ges­sen, dann kann wie­der Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on und Eigen­ver­ant­wor­tung ein­keh­ren. Was zählt ist eben doch: Der Gehor­sam. Oder in unse­rem Pan­de­mie­fall: auf Exper­tin­nen soll­te man hören. Wenn es vor­bei ist kann man immer noch dar­über strei­ten, was genau zu wel­chem Zeit­punkt wirk­lich nötig gewe­sen wäre.

Ich stim­me dir in der Dia­gno­se zu, dass sich Wider­stand, Angst und Miss­mut in der Bevöl­ke­rung regt. Ich tei­le aber nicht dei­ne Mei­nung, dass eine von grund­auf fal­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on haupt­ur­säch­lich dafür ist. Unse­re frei­en Gesell­schaf­ten waren ein­fach zu kei­nem Zeit­punkt dar­auf vor­be­rei­tet, obwohl es mah­nen­de Stim­men gab. Die­se Pan­de­mie negiert ziem­lich viel von dem, was uns wich­tig ist (Frei­heit vie­le Din­ge zu tun und zu sagen und dabei von mög­lichst nie­man­dem gestört zu werden). 

Eine Reak­ti­on auf das Erle­ben in der Pan­de­mie ist ver­ständ­li­cher­wei­se getrie­ben von Angst und Abwehr. Es führt aber in die Lee­re, wenn die han­deln­den und ent­schei­den­den Per­so­nen allei­nig dafür ver­ant­wort­lich gemacht wer­den. Ursa­che sind eigent­lich Exis­tenz­ängs­te, die in einer kon­sum­ge­trie­be­nen Gesell­schaft bis­her vor­züg­lich über­la­gert wer­den konn­ten von dem neu­es­ten Dings und Bums.

Nach die­sen Wider­wor­ten will ich noch mein auf­rich­ti­ges Inter­es­se dar­über zum Aus­druck brin­gen, was du über die augen­schein­li­chen Gren­zen von Agi­li­tät denkst, die ich ver­sucht habe auf­zu­zei­gen. Inwie­fern ist es mög­lich, in einem so ver­netz­ten Sys­tem in einer aku­ten exis­ten­ti­el­len Kri­sen­si­tua­ti­on auf Eigen­ver­ant­wor­tung und Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on zu set­zen? Stößt Agi­li­tät dort (zumin­dest tem­po­rär) an sei­ne Gren­zen? Oder ist Agi­li­tät immer aus­schließ­lich die “bes­te Lösung” (Lang­fris­tig sicher­lich, aber kurz­fris­tig?)? Wel­chen Wert kann “Soli­da­ri­tät” (Ich wür­de die­se Les­art ger­ne dei­nem “Gehor­sam” ent­ge­gen­stel­len) im Kon­text von agi­len Sys­te­men einnehmen? 

Es wür­de mich freu­en, dazu ein paar Zei­len von dir zu lesen!

Lie­ber Ans­gar, vie­len Dank für dei­nen Kom­men­tar, der fast schon ein eige­ner Blog­post ist. Für mich ist es kei­ne Fra­gen, dass wir die­se Kri­se nur mit Eigen­ver­ant­wor­tung und Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on bewäl­ti­gen kön­nen. Alle Maß­nah­men ste­hen und fal­len damit, dass die Bür­ger sie mit­tra­gen und das geht eben bes­ser mit der Dis­zi­plin, die sich aus Über­zeu­gung und Ver­ständ­nis speist als mit Gehor­sam aus Angst vor Dis­zi­pli­nie­rung. Man kann ja nicht alle Bür­ger per­ma­nent über­wa­chen auch nicht, wenn man laut dar­über nach­denkt, Fehl­ver­hal­ten der Nach­barn bei doch ruhig bei der Poli­zei zu melden … 

Die bis­he­ri­ge Kom­mu­ni­ka­ti­on der Regie­rung hilft mei­ner Mei­nung nach nicht die­se Eigen­ver­ant­wor­tung zu kul­ti­vie­ren. Kurz­fris­tig mögen Befeh­le, Ver­ord­nun­gen und Appel­le hel­fen; lang­fris­tig (und das mein­te ich mit nach­hal­ti­ger Stra­te­gie) reicht das aber nicht. Die Wider­stän­de, die wir beob­ach­ten (und ich mei­ne nicht die alut­hutra­gen­den Ver­quer­den­ker) sind eine Kon­se­quenz die­ser Anspra­che und des Ver­sa­gens die Situa­ti­on ver­ständ­lich zu kommunizieren. 

Es ist näm­lich lei­der nicht so ein­fach wie mit dei­nem Sturm. Die Situa­ti­on ist weit­aus kom­ple­xer und des­halb gehen die Inter­pre­ta­tio­nen der Lage und der Maß­nah­men auch aus­ein­an­der. Die Situa­ti­on ist aber ohne Fra­ge ernst, da sind wir uns alle einig. Und weil sie so ernst ist, erwar­te ich von unse­ren Exper­ten und der Regie­rung auch, dass sie sich neben all den Maß­nah­men auch über­le­gen, wie der Ernst der Lage mög­lichst gut erfasst wer­den kann. Bis­her schau­en wir nur auf die Sie­ben-Tage-Inzi­denz und die hängt mas­siv von der Test­stra­te­gie und den Tests ab. Und da hät­te ich genau dies­sel­ben Fra­gen, wie sie Simon Hege­lich in sei­nem Arti­kel schön aus­ge­ar­bei­tet hat.

Gera­de weil die Situa­ti­on kom­plex ist, geht es nicht ohne Agi­li­tät. Und die ver­langt ein empi­ri­sches Vor­ge­hen und dafür brau­chen wir eine gute Daten­ba­sis. Wenn wir aber gleich­zei­tig mit den Maß­nah­men wie­der die Test­stra­te­gie ändern, wie jüngst wie­der pas­siert, wie wol­len wir jemals wis­sen, ob wir rich­tig unter­wegs sind oder falsch abgebogen?

Lie­ber Marcus,

vie­len Dan­ke für Dei­ne Sicht auf Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on. Ich beob­ach­te auch seit Beginn der Pan­de­mie, wie wir sei­tens Poli­tik und Medi­en mit Fak­ten ver­sorgt wer­den, aber auch eben nicht ver­sorgt wer­den. Peter Scholl-Latour sag­te zu sei­nen Jour­na­lis­tik-Stu­den­ten immer wie­der: „Schaut genau hin, wer am meis­ten beschimpft wird. Das sind in der Regel die Guten.“. Und wenn ich mir dann anschaue, wie viel Beschimp­fung gera­de Jene erhiel­ten, die auch auf die ver­schwie­ge­nen Fak­ten hin­wei­sen, so bemer­ke ich in die­sen wir­ren Zei­ten einen extre­men Man­gel an Debat­te, die doch so not­wen­dig ist, wenn kom­ple­xe Situa­ti­on zu beleuch­ten sind. 

Da oben schrieb Jemand, dass der über­wei­gen­de Teil der Men­schen zu dumm sei und ihm daher Befeh­le zu ertei­len sei­en, sprich er gehor­che müs­sen. Dass dabei aber so vie­le Exper­ten, die bei­tra­gen könn­ten, abge­würgt wer­den, kommt in die­ser Sicht­wei­se nicht mehr zum Tragen.

Inzwi­schen steht der PCR-Test ziem­lich unter Feu­er. Nächs­te Woche soll dazu in den USA eine Sam­mel­kla­ge ein­ge­reicht wer­den. Für Öster­reich steht eben­falls eine sol­che Kla­ge an. Wir dür­fen gespannt sein, ob die not­wen­di­ge Debat­te dann doch noch in Gang kommt. Denn das gan­ze Pan­de­mie-Kon­strukt steht und fällt mit dem Blick auf eine vali­de Fallzahl.

Vie­le Grüße
Martin

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