Die Kunst des Weglassens

Per­fek­ti­on ist nicht dann erreicht, wenn es nichts mehr hin­zu­zu­fü­gen gibt, son­dern wenn man nichts mehr weg­las­sen kann. Die­ser von Antoi­ne de Saint-Exu­pé­ry for­mu­lier­te Maß­stab offen­bart ein gewis­ses Ver­ede­lungs­po­ten­ti­al in der öffent­li­chen Ver­wal­tung eben­so wie in gro­ßen Kon­zer­nen. Wor­an liegt es aber, dass die Regeln immer mehr und die Pro­zes­se immer kom­pli­zier­ter wer­den? Viel­leicht liegt es am Ende ein­fach an unse­rer Nei­gung, bevor­zugt Lösun­gen durch Hin­zu­fü­gen zu suchen anstatt das Pro­blem durch Weg­las­sen zu lösen, wie in einem jüngst im Maga­zin Natu­re erschie­ne­nen Arti­kel nach­ge­wie­sen wurde.

Was pas­siert mit der Ver­wal­tung, wenn die Arbeit weni­ger wird? Die­se Fra­ge stell­te sich Cyril Nor­th­cote Par­kin­son und sein Gegen­stand der Unter­su­chung war das bri­ti­sche Kolo­ni­al­amt, eine eigen­stän­di­ge Abtei­lung der bri­ti­schen Admi­nis­tra­ti­on die von 1854 bis 1966 für die Ver­wal­tung der bri­ti­schen Kolo­nien zustän­dig war. Par­kin­son stell­te fest, dass die Anzahl der Beam­ten die­ses Kolo­ni­al­amt unab­hän­gig von der vor­han­de­nen Arbeit wuchs. Die meis­ten Beam­ten hat­te die­ses Amt als es 1966 man­gels zu ver­wal­ten­der Kolo­nien in das Außen­mi­nis­te­ri­um inte­griert wur­de. Die Orga­ni­sa­ti­on war beschäf­tigt, aber nicht pro­duk­tiv, son­dern vor allem mit sich selbst.

Work expands so as to fill the time avail­ab­le for its completion.

Arbeit dehnt sich in genau dem Maß aus, wie Zeit für ihre Erle­di­gung zur Ver­fü­gung steht.

Par­kin­son­sches Gesetz zum Wachs­tum der Bürokratie

Weg­las­sen ist eine Kunst, die Ver­wal­tun­gen offen­bar weni­ger beherr­schen. Weni­ger ist mehr. Mit die­sem Mot­to beschrieb der Bau­haus-Archi­tekt Lud­wig Mies van der Rohe die­se und damit auch sei­ne Kunst. Sein Kol­le­ge Richard Buck­mins­ter Ful­ler sah das ganz ähn­lich, wenn­gleich er damit eher die funk­tio­na­len Aspek­te mein­te: „Doing more with less.“ Was so ein­fach klingt, ist ver­dammt har­te Arbeit. 

Weni­ger ist mehr – ins­be­son­de­re mehr Arbeit. Nicht nur in der Archi­tek­tur, auch der fran­zö­si­sche Mathe­ma­ti­ker Blai­se Pas­cal ent­schul­dig­te sich 1656 für sei­ne sprach­li­chen Aus­schwei­fun­gen: „Ich habe den gegen­wär­ti­gen Brief aus kei­ner andern Ursach so lang gemacht, als weil ich nicht Zeit hat­te, ihn kür­zer zu machen.“ Und sein unga­ri­scher Kol­le­ge Paul Erdős glaub­te an „The Book“, ein Buch Got­tes (den Erdős immer als Supre­me Fascist (SF) bezeich­ne­te), das sei­ner Mei­nung nach all die ele­gan­ten und per­fek­ten mathe­ma­ti­schen Bewei­se enthält.

Ich bin nicht qua­li­fi­ziert zu sagen, ob Gott exis­tiert oder nicht – ich bezweif­le eher sei­ne Exis­tenz. Nichts­des­to­we­ni­ger sage ich immer, dass der SF die­ses trans­fi­ni­te Buch hat, das die bes­ten Bewei­se aller mathe­ma­ti­schen Sät­ze ent­hält, Bewei­se, die ele­gant und per­fekt sind.

Paul Erdős (zitiert von Paul Hoff­man in „Der Mann, der die Zah­len liebte“)

Wenn sich also nun die­se gro­ßen Den­ker und Künst­ler einig sind, dass Ein­fach­heit die höchs­te Form der Voll­endung ist, wie es Leo­nar­do da Vin­ci so tref­fend for­mu­lier­te, wie kommt es dann zu die­sen krebs­ar­ti­gen Wachs­tum von öffent­li­chen Ver­wal­tun­gen wie des bri­ti­schen Kolo­ni­al­amts und damit ein­her­ge­hend ihrer exzes­si­ven Büro­kra­tie? Ein Phä­no­men das in gro­ßen und über Jahr­zehn­ten gewach­se­nen Kon­zer­nen in fast iden­ti­scher Wei­se zu beob­ach­ten ist und in schö­ner Regel­mä­ßig­keit recht erfolg­lo­se Vor­ha­ben zu Ent­bü­ro­kra­ti­sie­rung hervorbringt.

Sicher geht es uns viel beschäf­tig­ten Wis­sens­ar­bei­tern wie Blai­se Pas­cal und wir haben ein­fach kei­ne Zeit unse­re Pro­zes­se zu ver­schlan­ken. Hin­zu kommt eine inter­es­san­te sozio­lo­gi­sche Dyna­mik, die Cyril Nor­th­cote Par­kin­son als Ursa­che für das von ihm beob­ach­te­te Phä­no­men beschreibt. Einer­seits ver­sucht jeder Ange­stell­te die Anzahl sei­ner Unter­ge­be­nen zu ver­grö­ßern, nicht aber die Anzahl sei­ner Riva­len. Und ande­rer­seits machen sich Ange­stell­te gegen­sei­tig Arbeit. Eine nach wie vor tref­fen­de Zusam­men­fas­sung der Grün­de für die mas­si­ven Rei­bungs­ver­lus­te in gro­ßen Organisationen.

Viel­leicht liegt die Ursa­che aber auch viel tie­fer in unse­rer mensch­li­chen Psy­che. In einem jüngst im Maga­zin Natu­re erschie­ne­nen Arti­kel beschrei­ben Tom Mey­vis und Heeyoung Yoon eine inter­es­san­te mensch­li­che Nei­gung. Bei der Suche nach Lösun­gen bevor­zu­gen wir in der Regel sol­che, die durch Hin­zu­fü­gen von neu­en Ele­men­ten ent­ste­hen gegen­über sol­chen, die durch Weg­las­sen von bereits vor­han­de­nen Ele­men­ten ent­ste­hen, selbst wenn letz­te­re deut­lich effi­zi­en­ter oder güns­ti­ger wären. 

In einem Expe­ri­ment hat­ten die Teil­neh­mer die Auf­ga­be, die Sta­bi­li­tät einer Lego-Struk­tur so zu ver­bes­sern, dass am Ende das Dach einen Zie­gel­stein tra­gen wür­de. Die Teil­neh­mer soll­ten bei Erfolg einen Dol­lar bekom­men, aber jeder zusätz­lich ver­wen­de­te Lego­stein kos­te­te 10 Cent. Da das Dach anfangs auf einem ein­zel­nen klei­nen Stein weit außer­halb des Schwer­punkts ruh­te, füg­ten die meis­ten Teil­neh­mer ein­fach wei­te­re Stei­ne hin­zu, um das Dach zu sta­bi­li­sie­ren (vgl. das Bild im Arti­kel). Viel ein­fa­cher und gewinn­brin­gen­der wäre es aller­dings gewe­sen, den ein­zel­nen Stein am Rand des Dachs ein­fach zu ent­fer­nen und es dadurch sta­bil auf dem Rest der Struk­tur auf­lie­gen zu lassen.

Das Weg­las­sen scheint uns nicht zu lie­gen. Lie­ber machen wir mehr des­sel­ben und wenn das nicht hilft, dann eben noch mehr. „Nach­dem wir das Ziel end­gül­tig aus den Augen ver­lo­ren hat­ten, ver­dop­pel­ten wir unse­re Anstren­gun­gen“, stell­te Mark Twain tref­fend fest. Die­se uni­ver­sel­le mensch­li­che Nei­gung kom­bi­niert mit deut­scher Gründ­lich­keit erklärt dann auch die umfang­rei­che deut­sche Steu­er­ge­setz­ge­bung und fein zise­lier­te Rei­se­kos­ten­richt­li­ni­en in DAX-Konzernen.

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2 Kommentare

Die Kunst des Weg­las­sens ist eine hohe. Ich fin­de, das passt ins­ge­samt sehr gut auf unse­re aktu­el­le Lebens­wei­se und was wir glau­ben, alles zu brauchen.
Wenn dann die Gesund­heit fehlt, dann erkennt man recht schnell, was alles WIRKLICH not­wen­dig ist. Und was eben nicht. Das meis­te kann weg, ohne daß man es groß vermisst…

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