Sein Bestes geben

Der Stoi­zis­mus erlebt seit eini­gen Jah­ren eine Art Renais­sance. Ins­be­son­de­re die römi­schen Stoi­ker leg­ten gro­ßen Wert auf Gemüts­ru­he. Sie waren den­noch — oder gera­de des­we­gen — ambi­tio­niert und übten gro­ßen Ein­fluss in Poli­tik und Gesell­schaft aus. Damit die­se Balan­ce zwi­schen Ambi­ti­on und Gelas­sen­heit gelingt, braucht es eine klu­ge Wahl von Zielen.

Viel­leicht liegt es an die­sen tur­bu­len­ten Zei­ten, in denen wir deut­lich unse­re Hilf­lo­sig­keit spü­ren, dass die Lebens­phi­lo­so­phie der Stoi­ker gera­de wie­der­ent­deckt wird. Von vie­len ande­ren Schu­len der Phi­lo­so­phie unter­schei­det sich der Stoi­zis­mus durch ein hohes Maß an Lebens­nä­he. Den Stoi­kern ging es stets um die Fra­ge nach dem guten Leben. Dafür bie­tet der Stoi­zis­mus zeit­lo­se Über­le­gun­gen und prak­ti­sche Hilfestellungen. 

Gott, gib mir die Gelas­sen­heit, Din­ge hin­zu­neh­men, die ich nicht ändern kann, den Mut, Din­ge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weis­heit, das eine vom ande­ren zu unterscheiden. 

Rein­hold Niebuhr

Was der US-ame­ri­ka­ni­sche Theo­lo­ge Rein­hold Nie­buhr hier in sei­nem berühm­ten Gelas­sen­heits­ge­bet erbit­tet, ins­be­son­de­re die Weis­heit zur Unter­schei­dung zwi­schen Din­gen, die in unse­rer Macht ste­hen und sol­chen, auf die wir kei­nen Ein­fluss haben, ist eine ganz zen­tra­le Prak­tik der Stoi­ker. Epik­tet etwa schreibt gleich zu Beginn sei­nes Hand­büch­leins (Epi­c­te­tus, 1984): „Eini­ge Din­ge ste­hen in unse­rer Macht, ande­re hin­ge­gen nicht.“ Als stoi­scher Phi­lo­soph ging es ihm dar­um, die einen Din­ge von den ande­ren zu unter­schei­den, um das Augen­merk lie­ber auf die Din­ge zu rich­ten, über die wir wirk­lich Macht haben. Er gibt sodann auch gleich Bei­spie­le für bei­de Kate­go­rien: „In unse­rer Gewalt sind: Mei­nung, Trieb, Begier­de, Wider­wil­le: kurz: Alles, was unser eige­nes Werk ist. – Nicht in unse­rer Gewalt sind: Leib, Ver­mö­gen, Anse­hen, Ämter, kurz: Alles, was nicht unser eige­nes Werk ist.“

Beginn des Hand­büch­leins, grie­chisch-latei­ni­sche Aus­ga­be mit Kom­men­tar von Abra­ham Ber­kel, 1683 (Quel­le: Wiki­pe­dia)

Der moder­ne, kar­rie­re­ori­en­tiert Mensch neigt frei­lich dazu Epik­tet reflex­ar­tig zu wider­spre­chen und selbst­ver­ständ­lich Ver­mö­gen, Anse­hen und Ämter als in der eige­nen Macht befind­lich zu sehen. Genau dar­um geht es schließ­lich in unse­rer Leis­tungs­ge­sell­schaft. Aber sind die­se Din­ge wirk­lich voll­stän­dig in unse­rer Macht? Viel­leicht liegt genau hier der Denk­feh­ler, der so vie­le in Unzu­frie­den­heit oder gar Bur­nout stürzt.

Die von Epik­tet sug­ge­rier­te Zwei­tei­lung (Dicho­to­mie) in Din­ge, die in unse­rer Gewalt sind und sol­che, die es nicht sind, ist in Wirk­lich­keit eine Drei­tei­lung (Tri­cho­to­mie). Neben den Din­gen, die voll­stän­dig von uns kon­trol­liert wer­den, unter­schei­det (Irvi­ne et al., 2020) zwi­schen Din­gen, über die wir kei­ner­lei Gewalt haben und sol­chen, auf die wir wenigs­tens teil­wei­se Ein­fluss haben. 

Es liegt rein logisch auf der Hand, dass es einer­seits sinn­los und daher ande­rer­seits der Gemüts­ru­he abträg­lich ist, sich über Din­ge auf­zu­re­gen, die wir gar nicht beein­flus­sen kön­nen. Das Wet­ter ist ein zwar belieb­tes, wenn­gleich eher harm­lo­ses Bei­spiel für die­se Kate­go­rie. Besorg­nis­er­re­gen­der sind Din­ge wie der Aus­bruch einer Pan­de­mie oder eines Kriegs, wor­über wir kei­ner­lei Gewalt haben. Die stoi­sche Kunst ist es, die­sen unab­än­der­li­chen Umstän­den gelas­sen gegen­über­zu­tre­ten, sie rück­wärts gerich­tet fata­lis­tisch zu akzep­tie­ren und den­noch das Leben, Gesell­schaft und Zukunft vor­wärts gerich­tet aktiv zu gestalten. 

Die Stoi­ker waren kei­ne lethar­gi­schen Ein­sied­ler ohne welt­li­che Ambi­tio­nen, son­dern oft­mals sehr enga­giert in Gesell­schaft und Poli­tik. Mark Aurel, der bedeu­tends­te Ver­tre­ter der jün­ge­ren Stoa, war römi­scher Kai­ser, Cato der Jün­ge­re kämpf­te „mutig für den Wie­der­auf­bau der römi­schen Repu­blik“ und Sene­ca „war nicht nur Phi­lo­soph, son­dern auch erfolg­rei­cher Büh­nen­au­tor, Bera­ter des Kai­sers und so etwas wie ein Invest­ment­ban­ker des 1. Jahr­hun­derts.“ (Irvi­ne et al., 2020)

Mark Aurel (Mün­chen, Glyptothek)

Wie passt es also in das stoi­sche Welt­bild, sich einer­seits auf die Din­ge zu kon­zen­trie­ren, über die wir Macht haben und sich trotz­dem über­aus erfolg­reich in Berei­chen zu enga­gie­ren, die gar nicht in der eige­nen Macht lie­gen? Die Ant­wort liegt in der von (Irvi­ne et al., 2020) genann­ten drit­ten Kate­go­rie der Din­ge, also sol­chen, auf die wir teil­wei­se Ein­fluss neh­men kön­nen. Der Aus­gang eines Ten­nis­mat­ches liegt nicht voll­stän­dig in unse­rer Macht, aber ganz macht­los sind wir den­noch nicht. Wir kön­nen einer­seits best­mög­lich trai­nie­ren und ande­rer­seits den Aus­gang posi­tiv beein­flus­sen, indem wir ver­su­chen, unse­re bes­te Leis­tung abzu­ru­fen. Wenn wir dann den­noch das Match ver­lie­ren, ist unse­re Gemüts­ru­he nicht gefähr­det, weil wir eben unser Bes­tes gege­ben haben und uns sozu­sa­gen nichts vor­zu­wer­fen haben. 

Es macht einen ent­schei­den­den Unter­schied, wel­che Zie­le wir uns set­zen. Best­mög­lich zu trai­nie­ren und so gut wie mög­lich zu spie­len, das liegt voll­stän­dig in unse­rer Macht, das Match zu gewin­nen hin­ge­gen nicht voll­stän­dig. Das Trai­ning und die Moti­va­ti­on und Kon­zen­tra­ti­on wäh­rend des Spiels begüns­ti­gen den Sieg, aber vie­le ande­re Fak­to­ren außer­halb des eige­nen Ein­flus­ses ste­hen dem ent­ge­gen. Eben­so ver­hält es sich mit den Din­gen die Epik­tet auf­lis­tet, nament­lich „Leib, Ver­mö­gen, Anse­hen, Ämter“ (Epi­c­te­tus, 1984). Wir kön­nen und soll­ten uns jeweils Zie­le set­zen, die kom­plett in unse­rer Hand lie­gen und die die­se Din­ge posi­tiv beein­flus­sen, voll­stän­dig in unse­rer Gewalt lie­gen sie aber alle nicht. 

Durch die Inter­na­li­sie­rung von Zie­len sind Stoi­ker in der Lage, ihre inne­re Ruhe auf­recht­zu­er­hal­ten und sich gleich­zei­tig mit Din­gen zu befas­sen, die sie nur par­ti­ell kon­trol­lie­ren kön­nen.“ (Irvi­ne et al., 2020) Die­se klu­ge Fokus­sie­rung auf Zie­le, deren Errei­chung in unse­rer Macht liegt, ist das ent­schei­den­de Ver­bin­dungs­stück zwi­schen Ambi­ti­on und Gelas­sen­heit. Ich soll­te mir also vor­neh­men, in die­sem Arti­kel mei­ne schrift­stel­le­ri­schen Fähig­kei­ten best­mög­lich zur Ent­fal­tung zu brin­gen. Ob die­ser Text dann gele­sen, wei­ter­emp­foh­len wird, viel­leicht viral geht oder gar in einer ange­se­he­nen Zeit­schrift erscheint, dar­auf habe ich kei­nen Ein­fluss, das soll­te ich mir nicht zum Ziel neh­men und dar­um soll­te ich mich auch nicht küm­mern. Inso­fern war es töricht von mir oder jeden­falls mei­ner Gemüts­ru­he abträg­lich, den Fokus auf die best­mög­li­che Aus­übung des Schrei­bens zu ver­lie­ren und mich statt­des­sen der Sucht nach dem schnel­len Like hinzugeben.

Literatur

Epi­c­te­tus. (1984). Hand­büch­lein der Moral und Unter­re­dun­gen (11. Aufl). Kröner.

Irvi­ne, W. B., Schuler, K., & Knup­per, F. (2020). Eine Anlei­tung zum guten Leben Wie Sie die alte Kunst des Stoi­zis­mus für Ihr Leben nut­zen. Finanz Buch.


Titel­bild von Clark Tibbs bei Unsplash

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Von Marcus Raitner

Hi, ich bin Marcus. Ich bin der festen Überzeugung, dass Elefanten tanzen können. Daher begleite ich Organisationen auf ihrem Weg zu mehr Agilität. Über die Themen Führung, Digitalisierung, Neue Arbeit, Agilität und vieles mehr schreibe ich seit 2010 in diesem Blog. Mehr über mich.

2 Kommentare

Ser­vus Markus!
Der Text gefällt mir sehr gut und moti­viert zum Über­den­ken der Zie­le. Vie­len Dank!
Hof­fe dir geht es gut und der neue Job macht Spaß!
Barney

Mar­cus Rait­ner: „Sein Bes­tes geben“…

…gehört zu den Per­len der Menschen.

Nütz­li­ches und Inter­es­san­tes steht nicht allen Men­schen in glei­cher Wei­se offen, aber Wesent­li­ches ― wie Weis­heit und Mit­ge­fühl ― ist allen Men­schen zugänglich.

Auch „das Bes­tes zu geben“ ist uns allen jeder­zeit möglich
― unab­hän­gig von Ort, Situa­ti­on, Tätig­keit und Fähigkeit.

Eini­ge Din­ge ste­hen in unserer
Macht, ande­re hin­ge­gen nicht.“

― Epik­tet

Ob „eini­ge Din­ge“ wirk­lich in unse­rer Macht ste­hen, sei
mal dahin­ge­stellt, zumin­dest kön­nen wir es so deuten. 

Unser Men­schen­ver­stand neigt halt dazu,
die Din­ge unter Kon­trol­le haben zu wollen.

Epik­tet: „In unse­rer Gewalt sind: Mei­nung, Trieb, Begier­de, Wider­wil­le: kurz: Alles, was unser eige­nes Werk ist.“

Habe ich „mei­ne Mei­nung in der Hand?
Haben wir die Begier­de in der Hand? 

Mein Han­deln kann ich steu­ern, aber die Begierde?
Für den Trieb stellt sich die sel­be Frage.
Und wenn gegen etwas ein Wider­wil­le auftaucht? 

Der Mensch kann zwar tun, was er will.
Er kann aber nicht wol­len, was er will.“

― Arthur Schopenhauer

Epik­tet: „Nicht in unse­rer Gewalt sind: Leib, Ver­mö­gen, Anse­hen, Ämter, kurz: Alles, was nicht unser eige­nes Werk ist.“

Ja, den Leib haben wir nicht in der Hand.

Ein paar Minu­ten lang kön­nen wir unse­re Atmung wil­lent­lich beein­flus­sen. Sobald wir abge­lenkt sind, über­nimmt freund­li­cher­wei­se der Kör­per wie­der die Zutei­lung an Sauer­stoff. Er kann das bes­ser als wir.

Macht & Gewalt des Men­schen ist
mehr Wunsch­den­ken als Realität.

Der Satz des Herrn Nie­buhr ist – ein­ge­wi­ckelt in die Form
eines ein­fa­chen Gebets – ein kla­rer Aus­druck von Weisheit:

Gott, gib mir…
✿ die Gelas­sen­heit, Din­ge hin­zu­neh­men, die ich nicht ändern kann,
✿ den Mut, Din­ge zu ändern, die ich ändern kann, und
✿ die Weis­heit, das eine vom ande­ren zu unterscheiden.

Gelas­sen­heit, Mut, Weis­heit. Jeder­zeit 1 : 1 anwendbar.

Dein von dir erwähn­ter Namens-Vet­ter Mar­cus Aure­li­us wäre wohl ein Mann ganz nach dem Geschmack des Pla­ton gewe­sen, der in der Lage war, sich Macht und Weis­heit in Per­so­nal­uni­on vor­stel­len und (in sei­nem Fall für Athen) wün­schen zu können.

Mar­cus: „Der Aus­gang eines Ten­nis­mat­ches liegt nicht voll­stän­dig in unse­rer Macht, aber ganz macht­los sind wir den­noch nicht“

Den Aus­gang von etwas habe ich nie in der Hand, aber
ich habe es immer in der Hand, mein Bes­tes zu geben. 

Dan­ke und
schö­nen Sonntag!

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