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Die unbequeme Wahrheit über Großraumbüros

Beim Versuch zwischen telefonierenden oder diskutierenden Kollegen konzentrierte Arbeit zu verrichten wünsche ich mir regelmäßig die ruhige Bibliothek aus Studienzeiten zurück. Kollaboration und Teamarbeit in Ehren, aber irgendwo muss doch auch mal allein und in Ruhe nachgedacht und gearbeitet werden. Bisher schrieb ich meine Unfähigkeit in Großraumbüros sinnvoll arbeiten zu können meinem eher introvertierten Naturell zu, aber jetzt ist es wissenschaftlich bestätigt, dass das Konzept von Großraumbüros prinzipiell nicht funktioniert. Die Studien von Ethan Bernstein von der Harvard Business School und Stephen Turban von der Harvard University zeigen deutlich, dass Großraumbüros entgegen der gängigen Annahme die persönlichen Interaktionen zwischen Kollegen nicht fördern, sondern sie sogar behindern. Es liegt also nicht (nur) an mir.

Menschen mehr als Prozesse

Ein wesentliches Element von Führung ist für viele das Treffen von Entscheidungen. Ein elitärer Kreis von Führungskräften trifft Entscheidungen – mindestens die großen und strategischen und abhängig vom Zustand der Vertrauenskultur in der Organisation auch gern mal Entscheidungen zu Details, Mikromanagement nennt sich das dann. Reed Hastings, der CEO von Netflix, macht genau das nicht. Er ist sogar stolz darauf so wenige Entscheidungen wie möglich zu treffen. Und der Erfolg gibt ihm recht, immerhin ist Netflix heute 20 Jahre nach Gründung das zehntgrößte Internet-Unternehmen der Welt (Wikipedia).

Nachhaltig arbeiten – Weniger ist mehr

Nachhaltigkeit definiert der Duden als ein „Prinzip, nach dem nicht mehr verbraucht werden darf, als jeweils nachwachsen, sich regenerieren, künftig wieder bereitgestellt werden kann.“ In der Regel denken wir bei Nachhaltigkeit in makroskopischen Dimensionen unserer Umwelt. Für mich beginnt Nachhaltigkeit aber in viel kleinerem Maßstab, nämlich bei mir selbst und dem nachhaltigen Umgang mit meinen eigenen persönlichen Ressourcen, wie Zeit, Energie und Wissen. Es wird Zeit, über Relikte aus dem Industriezeitalter zu reden und insbesondere darüber, wie effektiv und nachhaltig die strikte zeitliche und räumliche Trennung von Arbeit und Leben (als wäre Arbeit kein Leben!) in Form von Achtstunden-Arbeitstagen am gemeinsamen Arbeitsort ist.

Wo ist hier die Bibliothek?

Wissensarbeit erfordert Konzentration. Dazu gibt es an den Universitäten Bibliotheken in denen konzentriert studiert werden kann. In unseren Unternehmen gibt es solche Zonen für ungestörtes Arbeiten meistens nicht. Dort heißt die Devise Teamwork und und ihr oberster Wert heißt Kommunikation. Das Ergebnis sind Arbeitstage die zu einem Großteil aus geplanten oder ungeplanten Besprechungen bestehen mit Arbeitsblöcken dazwischen die zu kurz sind für irgendeine sinnvolle vertiefte Arbeit und nur zur Beantwortung der während der Besprechungen aufgelaufenen Flut an E-Mails genutzt werden oder am Smartphone mehr oder weniger unterhaltsam vergeudet werden. Das alles in Großraumbüros mit Geräuschpegeln die ohnehin jede Form von konzentrierter Wissensarbeit ad absurdum führen oder nur durch Abschottung durch Kopfhörer mit Geräuschunterdrückung leidlich zulassen.

Digitale Massengräber des Wissens

Fast ein halbes Jahrhundert ist vergangen seit Ray Tomlinson 1971 die erste E-Mail versandte. Aus einer Technologie für wenige Nerds wurde nach und nach und spätestens seit den 1990er Jahren – man erinnere sich an Boris Becker’s legendäres „Bin ich schon drin?“ im AOL Werbespot 1999 – ein Massenphänomen. Heute empfängt oder verschickt der durchschnittliche Mitarbeiter mehr als 100 E-Mails pro Tag(!). Kein Wunder also, dass viele die E-Mail als Belastung empfinden und sogar große Konzerne wie Atos mittlerweile so weit gehen, interne E-Mails komplett zu verbannen und damit bessere Ergebnisse erzielen. Für einen solchen Ansatz spricht vieles: Die konstante Ablenkung durch E-Mails, ein immer ungünstiger werdendes Signal-Rausch-Verhältnis der damit übermittelten Informationen, aber auch der oft sträflich vernachlässigte Bereich des Wissensmanagements. Und so werden die Postfächer zu digitalen Massengräbern des Wissens.