Organisierte Verantwortungslosigkeit

So geht das aber nicht! Jedes Spiel ver­läuft völ­lig anders. Die­se Fuß­ball­mann­schaft braucht drin­gend mehr Ord­nung für repro­du­zier­ba­re Erfol­ge. Ab sofort gibt es kla­re Rol­len mit Auf­ga­ben, Kom­pe­ten­zen und Ver­ant­wor­tung für jede Posi­ti­on auf dem Spiel­feld. So schwie­rig ist das doch nicht. Und auf Basis einer umfang­rei­chen Ana­ly­se unse­rer bes­ten Spiel­zü­ge und denen der Geg­ner defi­nie­ren wir sau­be­re Angriffs- und Ver­tei­di­gungs­pro­zes­se. Klingt komisch? Rich­tig, aber war­um glau­ben wir dann immer noch, dass sich deut­lich kom­ple­xe­re Mann­schafts­leis­tun­gen in unse­ren Unter­neh­men der­art zum Erfolg füh­ren lassen?

Die impli­zi­te Annah­me hin­ter all den Pro­zes­sen und Rol­len ist lei­der oft, dass das Gan­ze gut gelingt, wenn nur jeder sei­nen Schritt rich­tig aus­führt und sei­ne Rol­le rich­tig lebt. Im Kern han­delt es sich dabei um orga­ni­sier­te Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit. Jeder ist nur für sei­nen Aus­schnitt des Pro­zes­ses und sei­ne Rol­le ver­ant­wort­lich. Wer Men­schen der­art auf Rol­len und Vor­schrif­ten redu­ziert, darf sich nicht über Dienst nach Vor­schrift wun­dern, denn genau das war ja gewünscht. Die Jahr für Jahr gleich kata­stro­pha­len Ergeb­nis­se des Gal­lup-Enga­ge­ment-Index, wonach rund 70% der Deut­schen nur Dienst nach Vor­schrift ver­rich­ten und 15% sogar schon inner­lich gekün­digt haben, kann man auch als Grad­mes­ser die­ser orga­ni­sier­ten Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit verstehen. 

Die ich rief, die Geister
werd ich nun nicht los.
Johann Wolf­gang von Goethe)

Anstatt also den Mit­ar­bei­tern man­geln­de Krea­ti­vi­tät und feh­len­des Enga­ge­ment vor­zu­wer­fen, gilt es, das Übel an der Wur­zel zu packen und Struk­tu­ren zu schaf­fen, die zu gemein­sa­mer Ver­ant­wor­tung und Team­leis­tung anre­gen. Pro­zes­se und Rol­len sind per se nicht das Pro­blem. Sie geben Ori­en­tie­rung. Wenn Men­schen aber auf Rol­len redu­ziert wer­den, wird es gefähr­lich. Und wenn die Ein­zel­leis­tun­gen der Rol­len noch mit Zie­len und Anrei­zen ange­facht wer­den, wird es brand­ge­fähr­lich. Dann wer­den die Scheu­klap­pen auf­ge­setzt und der Blick für das Gan­ze geht ver­lo­ren. Die Team­leis­tung ist eben mehr als die Sum­me der Ein­zel­leis­tun­gen. Wie beim Fußball.

Ob Orga­ni­sa­tio­nen zukunfts­fä­hig sind, hängt ganz wesent­lich davon ab, inwie­weit sie auf­hö­ren kön­nen, Men­schen auf Rol­len zu reduzieren. 

Als Gegen­ent­wurf lohnt sich ein Blick auf ein agi­les Team im Scrum. Es ist so zusam­men­ge­setzt, dass in Sum­me alle Fähig­kei­ten vor­han­den sind, um Soft­ware zu ent­wi­ckeln, zu tes­ten, zu doku­men­tie­ren, aus­zu­lie­fern und zu betrei­ben. Jedes Team­mit­glied hat dabei min­des­tens eine Kern­kom­pe­tenz, ver­fügt aber auch über Fähig­kei­ten dar­über­hin­aus (man spricht in dem Zusam­men­hang von T‑shaped skills). Wer, wann, was macht ent­schei­det sich nach Bedarf, um das gemein­sa­me Ziel best­mög­lich zu errei­chen. Der Stür­mer ver­tei­digt auch mal und der Ver­tei­di­ger schießt auch mal ein Tor, wenn es hilft das Spiel zu gewinnen.

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Von Marcus Raitner

Hi, ich bin Marcus. Ich bin der festen Überzeugung, dass Elefanten tanzen können. Daher begleite ich Organisationen auf ihrem Weg zu mehr Agilität. Über die Themen Führung, Digitalisierung, Neue Arbeit, Agilität und vieles mehr schreibe ich seit 2010 in diesem Blog. Mehr über mich.

4 Kommentare

Man könn­te ana­ly­sie­ren wel­che geschicht­li­chen und reli­giö­sen Wur­zeln der Fleiß und Gehor­sam in Deutsch­land haben und wür­de auf erhel­len­de Ergeb­nis­se kom­men. Auch heu­te sagt man im Aus­land noch über die Deut­schen, sie sei­en flei­ßig, pünkt­lich und gewis­sen­haft. Und humor­los (aber das nur am Rande).

An all die­sen Vor­ur­tei­len ist wahr­schein­lich nur ein Fünk­chen Wahr­heit und doch ist Vor­schrift nach Dienst sehr ver­an­kert in der Deut­schen Arbeits­kul­tur. Und da wer­den sich sicher­lich nicht nur die Chef­eta­gen, son­dern die gesam­te Arbei­ter­schaft schwer tun, neue Metho­den ans ich ran zu las­sen. Es wur­de ja schließ­lich über Genera­tio­nen verankert.

Aber mit dem Fuß­ball ken­nen sich die Deut­schen ja aus, also fällt es vllt. doch leich­ter als gedacht, die­se Par­al­le­len zur Arbeit zu zie­hen.. Es ist auf jeden Fall eine span­nen­de Ent­wick­lung im Gan­ge, die man gezielt för­dern soll­te. Wei­ter­bil­dun­gen im Soft Skill-Bereich dürf­ten sehr hilf­reich für alle Betei­lig­ten sein. Wir haben da eini­ge Semi­nar­for­ma­te für Unter­neh­men und Hoch­schu­len im Ange­bot, die sogar Spaß machen (von wegen humor­los! ;) ) und bera­ten bei Inter­es­se auch ger­ne unverbindlich.

Ja, die­ses Gedan­ken­gut von Pflicht und Fleiß sitzt tief und hat uns ja auch zu gro­ßen Erfol­gen ver­hol­fen. Es geht auch nicht um ein Entweder-oder,
son­dern ein Sowohl-als-auch. Wir müs­sen neben all dem Fleiß und der Dis­zi­plin eben auch unse­re krea­ti­ven und unter­neh­me­ri­schen Poten­tia­le entfalten.

Hal­lo Marcus,
vie­len Dank für dei­nen Bei­trag – gut auf den Punkt gebracht. Das Glei­che gilt ja dann auch für Füh­rungs­kräf­te, die auf­grund ihrer Füh­rungs­rol­le, auf die sie womög­lich im Unter­neh­men redu­ziert wer­den, gar nicht anders kön­nen, als sich auf „For­dern und För­dern“ zu beschrän­ken. Sie haben dann in einer sol­chen Orga­ni­sa­ti­on – ob sie wol­len oder nicht – gar nicht die Mög­lich­keit, im Sin­ne des Unter­neh­mens­zwecks, der eigent­li­chen Wert­schöp­fung, Mit­ar­bei­ter wie Kol­le­gen auf Augen­hö­he zu behan­deln. Das bedarf in einem ers­ten Schritt erst einem ande­ren Rol­len­ver­ständ­nis von Füh­rung und am bes­ten das Los­las­sen von „Füh­rungs­kraft“ zu Guns­ten von „Füh­rungs­ar­beit“.
Bes­te Grüße
Silke

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