Neue Arbeit

Die unbequeme Wahrheit über Großraumbüros

Beim Versuch zwischen telefonierenden oder diskutierenden Kollegen konzentrierte Arbeit zu verrichten wünsche ich mir regelmäßig die ruhige Bibliothek aus Studienzeiten zurück. Kollaboration und Teamarbeit in Ehren, aber irgendwo muss doch auch mal allein und in Ruhe nachgedacht und gearbeitet werden. Bisher schrieb ich meine Unfähigkeit in Großraumbüros sinnvoll arbeiten zu können meinem eher introvertierten Naturell zu, aber jetzt ist es wissenschaftlich bestätigt, dass das Konzept von Großraumbüros prinzipiell nicht funktioniert. Die Studien von Ethan Bernstein von der Harvard Business School und Stephen Turban von der Harvard University zeigen deutlich, dass Großraumbüros entgegen der gängigen Annahme die persönlichen Interaktionen zwischen Kollegen nicht fördern, sondern sie sogar behindern. Es liegt also nicht (nur) an mir.

Großraumbüros führen zu weniger persönlicher Interaktion und mehr E-Mail

Die Logik war so bestechend einfach: Je offene und näher Menschen im Büro zusammensitzen desto besser die Zusammenarbeit. Anstatt zum Telefon zu greifen oder eine E-Mail zu schreiben kann die Angelegenheit durch ein kurzes Gespräch am Schreibtisch des Kollegen im selben Großraumbüro viel einfacher und besser geklärt werden. So weit die Theorie, die immer wieder und immer noch als Grundlage für die Gestaltung von Bürolandschaften dient. Ein folgenschwerer Irrtum, wie die Studien von Ethan Bernstein und Stephen Turban kürzlich zeigten.

For every complex problem there is an answer that is clear, simple, and wrong.
H. L. Mencken

In ihrer ersten Studie begleiteten die beiden Forscher den Umbau eines ganzen Stockwerks eines Fortune 500 Unternehmens von Einzelarbeitsplätzen (Cubicles) in ein offenes Großraumbüro. Sie erfassten vor und nach dem Umbau die Zeit die in persönlichen Interaktionen zwischen Kollegen verbracht wurde und stellten einen Rückgang um satte 73% fest. Die Kommunikation unterblieb aber nicht, sondern hatte sich verlagert. Die Nutzung von E-Mail stieg um 67% und die von Instant Messaging um 75%.

If you’ve ever sought refuge from the gold-fish bowl of an open-plan office environment by cocooning yourself with headphones, or if you’ve decided you’d rather not have that challenging conversation with a colleague in front of a large group of your peers, and opted to email them instead, then these findings will come as little surprise.
Christian Jarrett in Open-plan offices drive down face-to-face interactions and increase use of email

Die zweite Studie bei einem anderen Fortune 500 Unternehmen war ähnlich angelegt, fokussierte aber auf Paare von Kollegen die miteinander interagierten. Bei den zugrundeliegenden 100 Mitarbeitern gab es 1830 solche Paare, von denen 643 nach dem Umzug in ein offenes Großraumbüro ihre persönliche Interaktion reduzierten und nur 141 sie erhöhten. Insgesamt reduzierte sich auch in der Studie die Zeit für persönliche Interaktion um 70% durch die offene Bürogestaltung und die Nutzung von E-Mail erhöhte sich auch hier (je nach Schätzmethode) zwischen 22% und 50%. Die beiden Forscher ziehen daraus das treffende Fazit:

While it is possible to bring chemical substances together under specific conditions of temperature and pressure to form the desired compound, more factors seem to be at work in achieving a similar effect with humans Until we understand those factors, we may be surprised to find a reduction in face-to-face collaboration at work even as we architect transparent, open spaces intended to increase it.
Ethan S. Bernstein, Stephen Turban

Die Mischung macht den Unterschied: Höhlen und Gemeinschaftsflächen

„Dosis facit venerum!“ Schon Paracelsus wusste im 16. Jahrhundert, dass die Dosis bestimmt, ob etwas schädlich oder nützlich ist. So verhält es sich auch bei der Gestaltung moderner Büroflächen. Wer es um der Kollaboration willen übertreibt mit der Offenheit vergiftet den Organismus der Organisation. Andererseits ist die Arbeitsteiligkeit hoch und wird mit zunehmender Komplexität nicht niedriger. Einsiedelei ist also auch keine Lösung.

Organisationen müssen bei der Gestaltung ihrer Büros auf die richtige Mischung achten aus Höhlen (caves) zum Rückzug und zur ungestörten Arbeit einerseits und Gemeinschaftsflächen (commons) zum Austausch und zur Zusammenarbeit im Team andererseits. Ich bin ein großer Fan dieses Konzepts von caves & commons, das für mich schon ausreichend realisiert wäre, wenn es zusätzlich zu den ohnehin schon vorhandenen offenen Büroflächen eine Bibliothek zum Rückzug gäbe. Entscheidend dabei ist die Freiheit, selbst entscheiden zu können und entscheiden zu dürfen, welche Umgebung am besten zur jeweiligen Aufgabe und zur eigenen Persönlichkeit passt.

If organizations don’t take proactive steps, people manufacture their own caves — whether by working from home, putting on earphones to tune out the drivel, or simply slipping out to the local WiFi café. The same is true for commons — there is a human need for people to gather around the water cooler and so, making the workplace inviting in different ways can build community
Leigh Thompson in Give Workers the Power to Choose: Cave or Commons

11 Kommentare Neues Kommentar hinzufügen

  1. Marco Jacob sagt:

    Was im Großraum Rückzugsorte sind, sollten bei separieren Büros die Kaffeeecken für lose Treffen sein. Nicht zu vergessen ist der Kreativraum. Eben mal gemütliche Möbel in einen sonst sterilen Meetingraum / Umfeld zu stellen schafft noch kein kreatives Klima.

  2. Danke Marcus.

    Das Thema scheint Dir gerade zu schaffen zu machen.
    Und es zeigt sich wieder:
    je größer der Schmerz, umso mehr lohnt sich die Suche nach den Ursachen.

    Vor allem, wenn man die Umstände systemisch betrachtet, fällt der enorme Einfluss des Umfelds auf das Ergebnis auf.

    Ich finde den Vergleich zwischen den Microsoft Niederlassungen Lohhof und Schwabing recht erhellend. Außerdem bin ich dankbar, durch #agiLEipzig viele interessante Raumgestaltungen kennen zu lernen. Das schärft den Blick.

    Was aber noch viel wichtiger als Architektur ist, werden Tobias Leisgang und ich hier herausarbeiten:
    https://leanpub.com/aoc
    Das erste echte Kapitel kommt am 16.8.2018
    Das Konzept dahinter beschreibe ich hier:
    https://commodus.org/aoc
    Ich würde mich über Impulse von Dir freuen. Du hast ganz sicher genug Inspiration aus Deiner täglichen Arbeit.

  3. Heinz Kößler sagt:

    Hallo Marcus
    Endlich sagt und schreibt das Mal jemand! Ich wünsche mir seit 20 Jahren meinaltes 4-6 Personen Büro zurück. Da könnten alle konzentriert arbeiten und doch kommunizieren.
    Der Mensch kann m.E. nunmal nicht in größeren Gruppen als einer mittelgroßen Familie rücksichtsvoll sein und kommunizieren.
    M.E. sollte ein Team sein Büro haben. Orientiert man sich dabei an einem Scrum oder Featureteam, dann kommt man auf 4-8 Leute, max 10.
    Das ist m.E. dann auch eine gute Bürogröße.
    Nur leider willen das diejenigen, die in Großkonzernen die Büros in sog. „Arbeitswelten“ planen und entscheiden nicht wahrhaben und lange Zeit auch nicht kapieren.
    Gott sei Dank ändert sich das langsam.

  4. Ich glaube, dass die Datenbasis mit zwei großen US-Unternehmen viel zu klein ist, um valide allgemeingültige Aussagen zu machen. Es fängt damit an, dass die Corporate Culture in Grossunternehmen eine andere sein kann als bei Mittelständlern. Bei einem Accountant ist es mir passiert, dass im Corporate Dress Code die DEN-Stärke für Strumpfhosen der Damen vorgegeben war (blickdicht). Dort war die Kommunikationskultur mit Großraumbüro ganz anders als in einem hochdynamischen Mittelständler, der jährlich bei 1.000 MA mit 30% wächst. Bei Startups ist das wieder anders. Bei einem Softwarehaus aus Seattle habe ich gesehen, dass im Großraumbüro zusätzlich Zimmer waren, wo man entweder alleine oder mit mehreren Besprechungen/Skypen machen konnte, ohne die anderen im Großraum zu stören.
    Also ich denke, dass die Varianz viel größer ist, als man mit nur zwei Stichproben in US-Großfirmen ermitteln kann. Aber wir werden sehen, ob das Gesagte noch jemand raus findet :-)

    1. Benjamin Klassen sagt:

      Das sehe ich genau so. Der Kontext ist doch sehr begrenzt, was die Autoren der Studie zum Teil auch zugeben. Ich möchte hier einen Artikel anbringen, den ich zu genau der Diskussion ebenfalls gelesen habe. Der Autor betrachtet das Thema etwas differenzierter, auch wenn er meiner Meinung droht „von der anderen Seite des Pferdes zu fallen“. Es hilft aber ungemein das Thema von beiden Seiten zu betrachten („sowohl…als auch“ anstatt „entweder…oder“). Der Artikel stellt sich die Frage, ob die MA diese Umstellung überhaupt gewollt haben oder nicht. Ist ein sehr wichtiger Punkt, der, gerade was die Zahlen der Studien angeht, einen wichtigen Einfluss hat.

      https://www.unternehmensdemokraten.de/auswirkung-von-grossraumbueros-auf-interaktion-und-kommunikation/

      1. Danke für den Link zum Artikel von Andreas. Ich habe ihn selbst auch erst nach dem Schreiben gelesen. Wie immer hat Andreas das sehr genau analysiert. Auch mir geht es ja gar nicht um ein entweder-oder. Ich glaube es braucht ein sowohl-als-auch: Es braucht Wahlmöglichkeiten, wie eben das Konzept Caves & Commons oder allgemeiner Activity based working / offices.

    2. Ja, die Datenbasis könnte größer sein, aber so schlecht ist sie auch wieder nicht. Es kommt in jedem Fall auf die Mischung und auf die Wahlmöglichkeiten für die Mitarbeiter an. Und die richtige Mischung hängt natürlich vom Unternehmen und der Kultur ab.

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