Die Krise als Chance

Trotz der verordneten und angeratenen räumlichen Distanz rücken die Menschen näher zusammen und zeigen mehr Interesse und Verständnis füreinander. Wenn wir uns das bewahren könnten für die Zeit nach der Corona-Pandemie und nicht sofort wieder in den alten Trott zurückfielen, wäre viel gewonnen.

Not macht ja bekanntlich erfinderisch und auch wenn es sich vielleicht im Moment nicht für jeden und sicher nicht immer so anfühlt, im Wesentlichen gebe ich Max Frisch schon Recht: „Eine Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“

Eine Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen. (Max Frisch)
Foto: ETH Library / CC BY-SA

Homeoffice mit unseren drei Kindern Marie (5 Jahre), Ella (4 Jahre) und Valentin (3 Monate) ist eine gewaltige Herausforderung, die wir nur deshalb einigermaßen bewältigen, weil Kathrin, die allerbeste Ehefrau der Welt, zum Glück im Moment Elternzeit macht. Die ungewohnt viele gemeinsame Zeit bringt natürlich viele Reibereien mit sich. Und nicht immer ist es leicht, allen Lebensaspekten gerecht zu werden. Einerseits.

Andererseits rücken wir dadurch als Familie auch näher zusammen und lernen unsere Bedürfnisse und Grenzen besser kennen und respektieren. Und machmal ist es sogar entspannter als vorher, wo es noch so viele Möglichkeiten gab. Es kann jetzt ja auch gar nichts unternommen werde. Und weil es allen anderen auch so ergeht, haben wir nicht das Gefühl, etwas zu verpassen. Die FoMO (Fear of missing out) ist auch irgendwie zum Opfer von COVID-19 geworden. Wer weniger Möglichkeiten hat, ist nicht automatisch unglücklicher. Das Paradoxon der Wahlmöglichkeiten wie Barry Schwartz das nennt.

Das Paradoxon der Wahlmöglichkeiten

Viele Kollegen haben jetzt ähnliche Herausforderungen. Ich weiß das dank der großartigen Aktion eines Kollegen in unserem Enterprise Social Network. Eines Morgens letzte Woche teilte Kai ein Bild seines Homeoffice in Singapur, beschrieb seine täglichen Herausforderungen mit den Einschränkungen (die in Singapur schon ein wenig länger andauern) und rief dazu auf, es ihm unter dem Motto #ShowMeYourHomeoffice gleich zu tun. Seither habe ich unglaublich viel Persönliches über Kollegen erfahren. Ich habe Arbeitsplätze am Küchentisch gesehen, im Werkzeugkeller, im Dachboden, auf dem Fußboden und in einem Baumhaus mit WLAN, mal aufgeräumt, mal unordentlich, meist improvisiert, mit Katzen, Hunden und vielen Kindern. Mit einem Mal ist trotz der Distanz durch diese Bilder unsere Zusammenarbeit um einiges menschlicher geworden.

Viele begegnen sich jetzt mit mehr Empathie und Interesse am Gegenüber. Besprechungen starten erst mal damit, dass man sich mit ehrlichem Interesse erkundigt, wie es den Kollegen heute geht. Und am Ende wünscht man sich Gesundheit. Wir lernen (endlich) die digitale Zusammenarbeit auch und gerade jenseits von virtuellen Meetings. Nie war der Austausch im Enterprise Social Network schneller und hilfsbereiter. Jetzt wo der gemeinsame Austausch beim Kaffee wegfällt, erblühen die digitalen Kaffeeküchen. Und das ist sehr gut so.

Wenn die Corona-Pandemie irgendwann rum ist, können wir uns dann bitte zu Beginn einer Besprechung immer noch kurz mal darüber unterhalten, wie es uns geht, ja? Und uns am Ende Gesundheit, Glück oder auch nur einen schönen Tag wünschen, ja? Und das nicht nur als Floskel, sondern mit echtem Interesse. Können wir uns dann weiterhin mit Empathie und Verständnis als Menschen auf Augenhöhe und mit gleicher Würde begegnen? Danke!

In the Chinese language, the word „crisis“ is composed of two characters, one representing danger and the other, opportunity.

John F. Kennedy

In dieser Bitte schwingt aber auch Angst mit. Angst, dass wir nach der Krise wieder alles vergessen und in alte Muster zurückfallen. Oder noch schlimmer, dass es wegen der Krise und ihren wirtschaftlichen Folgen nachher umso unerbittlicher und verbissener zur Sache geht. Dann wird aus dem Miteinander in der Krise ganz schnell ein Gegeneinander im Kampf um den eigenen Arbeitsplatz. Und da ist schließlich noch die Angst, dass die derzeitige Einschränkung von Freiheitsrechten oder die Aufweichung des Datenschutzes und die vermehrte Überwachung, z.B. durch die Auswertung von Bewegungsdaten unserer Smartphones, erst der Anfang war, also die Angst, dass wir gleichsam die Büchse der Pandora geöffnet haben und das dann von politischen Brandstiftern, an denen es uns leider nicht fehlt, geschickt für ihre Zwecke ausgenutzt wird.

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